DIE QUELLE ABSOLUTEN WISSENS

von Seiner Göttlichen Gnade A.C Bhaktivedanta Swami Prabhupāda
Gründer und ācārya der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein


Die Quelle Absoluten Wissens    

DIE QUELLE ABSOLUTEN WISSENS

Es ist notwendig, daß wir erfahren, wie wir das Śrīmad-Bhāgavatam genießen können, das erhabenste Buch über die Gotteswissenschaft; die reifste Frucht am Baume der vedischen Weisheit. Das Sanskrit-Wort rasa bedeutet Saft, gleich dem Saft einer Orange oder einer Mango-Frucht. Und der Verfasser des Śrīmad-Bhāgavatam bittet uns zu versuchen, den rasa oder den Saft der Frucht des Bhāgavatam zu kosten. Warum? Warum sollten wir den Saft der Frucht des Bhāgavatam kosten? Weil es die reifste Frucht des vedischen Wunschbaumes ist. Genau wie bei einem Wunschbaum, geben einem die Veden alles, was man begehrt. Veda bedeutet Wissen; dieses Wissen ist so vollkommen, daß es uns nicht nur den Weg zu höchster Freude und Erfüllung im spirituellen Leben zeigt, sondern auch zu Freude in der materiellen Welt. Wenn wir den vedischen Prinzipien folgen, dann werden wir glücklich. Das ist so wie mit den Gesetzen eines Landes. Wenn der Bürger den Gesetzen folgt, dann wird auch sein Glück nicht gestört. Es kommt niemand grundlos zu ihm, um ihn zu belästigen. Wenn man also nach den Gesetzen lebt, wird man auch in seinem Glück ungestört sein.

Die bedingten Seelen, die Lebewesen, sind in diese vergängliche Welt gekommen, um Genuß und irdisches Glück zu finden. Und die Veden geben die Unterweisung: Gut, genießt - aber sucht euer Glück und eure Freunde im Sinne dieser Prinzipien. Das wird Veda genannt. Es ist also alles da. Genauso wie wir manchmal eine Trauung im Tempel vollziehen. Was ist die Bedeutung einer solchen Trauung? Mann und Frau oder Junge und Mädchen werden vereint. Sie sind beide schon da, sie leben wie Freunde - warum dann überhaupt eine Trauung? Weil es die Veden vorschreiben: man lebt zusammen, hat Sex miteinander, aber befolgt gewisse Regeln, um glücklich zu werden. Das Endziel besteht darin, glücklich zu werden. Wenn man den vedischen Regeln und Vorschriften folgt, bedeutet das nicht, daß man nichts mehr essen darf oder nicht mehr schlafen, daß man sich nicht mehr verteidigen und kein Sexualleben haben darf. So ist das nicht. Unsere Körper benötigen das gleiche wie auch die Körper der Tiere. Auch die Tiere essen und schlafen, vermehren und verteidigen sich. Wir brauchen diese Dinge also auch. Aber die Veden schreiben einige Regeln vor, damit wir, wenn wir nach diesen Regeln leben, glücklich werden. Denn wenn wir diesen Regeln folgen, dann werden wir letztlich frei von allen irdischen Verstrickungen.

Dieses materielle Dasein ist nicht für die Geistesseele bestimmt. Es ist einfach ein Irrtum, daß wir dieses materielle Leben genießen wollen. Aber Kṛṣṇa, der Höchste Herr, gibt uns bestimmte Unterweisungen, damit wir Freude haben können, aber in einer solchen Weise, daß wir letztlich verstehen werden, daß dies nicht unser eigentliches Leben ist - denn unser eigentliches Leben ist spirituell. Dieses Leben als Mensch erreicht seine Vollkommenheit, sobald uns klar wird, daß es ein spirituelles Dasein gibt, sobald wir erkennen, daß wir Brahman sind. Wenn wir allerdings kein Interesse für ein spirituelles Leben haben, dann müssen wir wie die Tiere leben. Es ist durchaus möglich, daß unser nächstes Leben dann ein Leben als Tier sein wird. Und wenn wir wirklich durch Zufall oder durch eine Laune der Natur zu Tieren geworden sind, dann dauert es Millionen und Abermillionen von Jahren, ehe wir wieder Menschen werden. Das menschliche Leben ist also zur Selbstverwirklichung bestimmt, und die Veden unterweisen uns darin.

In der Bhagavad-gītā sagt Kṛṣṇa, daß das Studium der Veden oder das Befolgen der Regeln und Vorschriften uns dazu bringen kann, Kṛṣṇa-Bewußtsein zu verstehen. Das gleiche sagt auch das Śrīmad-Bhāgavatam. Die Veden geben uns also die Möglichkeit, nach vielen, vielen Leben Kṛṣṇa zu verstehen. Das Bhāgavatam wird die Essenz des Lebens genannt, die reifste Frucht der Veden, weil uns das Bhāgavatam  genau das gibt, was wir in diesem Leben brauchen.

Die Veden sind in vier Teile eingeteilt: Sāma Veda, Ṛg Veda, Atharva Veda und Yajus Veda. Diese werden dann durch die Purāṇas erklärt, von denen es 18 gibt und diese wiederum werden dann von den Upaniṣaden erklärt, von denen es 108 gibt. Die Essenz der Upaniṣaden findet sich im Vedānta-sūtra und das Vedānta-sūtra wird wiederum vom gleichen Verfasser im Śrīmad-Bhāgavatam erklärt. So sind die vedischen Schriften aufgebaut. Deshalb ist das Śrīmad-Bhāgavatam die Essenz des gesamten vedischen Wissens.

Naimiṣāraṇya ist ein heiliger, weithin bekannter Wald im Norden Indiens. Alle ṛṣis, alle großen Weisen, gehen gewöhnlich dorthin, um in geistiger Erkenntnis weiter voranzukommen. In diesem Zeitalter wurde das Śrīmad-Bhāgavatam zuerst in diesem Wald verkündet. Damals fragten die Zuhörer den großen Weisen Sūta Gosvāmī: „Kṛṣṇa ist nun in Sein Reich zurückgekehrt, aber wem ist nun dieses transzendentale Wissen gegeben?" Diese Frage wurde gestellt. Die Bhagavad-gītā wurde direkt von Kṛṣṇa verkündet, und in ihr werden eingehend jñāna-yoga, kama-yoga, dhyāna-yoga und bhakti-yoga behandelt. Jetzt aber wurde gefragt: „Wo können wir jetzt, da Kṛṣṇa fort ist, spirituelles Wissen erlangen?" Und die Antwort darauf war, daß Kṛṣṇa nach Seinem Fortgang das Śrīmad-Bhāgavatam für uns zurückgelassen hat. Das Śrīmad-Bhāgavatam vertritt Kṛṣṇa. Es vertritt Ihn durch Seinen Klang, durch Seine Lautschwingung.. Das Śrīmad-Bhāgavatam ist genau wie die Bhagavad-gītā mit Kṛṣṇa identisch - beide Bücher sind absolut. Kṛṣṇa und die Lautschwingung Kṛṣṇas sind identisch. Kṛṣṇa und Kṛṣṇas Name sind identisch. Und auch Kṛṣṇa und Kṛṣṇas Gestalt sind identisch. Er ist absolut. Man muß Erkenntnis erlangen, um dies zu verstehen.

Die Bhagavad-gītā und das Śrīmad-Bhāgavatam sind Inkarnationen von Kṛṣṇas Worten. Das Śrīmad-Bhāgavatam ist die Frucht des vedischen Wissens. Sie kennen sicherlich einen Papagei. Er ist grün und hat einen roten Schnabel. Der Papagei spricht nach, was man ihm vorsagt - das ist sein besonderes Talent. Der Papagei kostet nur die reife Frucht am Baum, die durch ihre Reife besonders gut schmeckt, und diese Frucht schmeckt noch besser, wenn der Papagei ein Stück von ihr genommen hat. So hat es die Natur eingerichtet. Hier also steht, daß das Śrīmad-Bhāgavatam  die reife Frucht des vedischen Wissens ist und von Śukadeva Gosvāmī, Sūtas geistigem Meister, berührt wird. Śuka bedeutet in Sanskrit: Papagei.

Dieses Śrīmad-Bhāgavatam wurde zuerst von Śukadeva Gosvāmī verkündet, obgleich sein Vater, Vyāsa, der Verfasser ist. Śukadeva war erst sechzehn Jahre alt, als ihm das Bhāgavatam  verkündet wurde und er die höchste Erkenntnis erlangte. Befreiung hatte er schon vorher erlangt, und zwar im unpersönlichen Aspekt des Höchsten. Als er jedoch das Bhāgavatam von seinem Vater hörte, begannen ihn die göttlichen Spiele Kṛṣṇas unwiderstehlich anzuziehen, und er selbst zog aus, das Bhāgavatam zu verkünden. Zuerst verkündete er es dem König Mahārāja Parīkṣit. Mahārāja Parīkṣit war ein sehr guter König, fromm und rechtschaffen, aber weil sein Verhalten in einigen Situationen nicht ganz dem eines großen Königs entsprach, wurde er von dem Sohn eines brāhmaṇa verflucht. Er sollte sterben, und zwar noch vor Ablauf der folgenden sieben Tage. Es war damals so, daß der Fluch eines brāhmaṇa wahr wurde. Die brāhmaṇas hatten die Macht, jemanden zu verfluchen oder zu segnen.

Mahārāja Parīkṣit wußte, daß er binnen einer Woche sterben würde, und somit bereitete er sich darauf vor. Er übergab das Königreich seinem Sohn Mahārāja Janamejaya, löste alle Bindungen an die Familie und setzte sich an das Ufer des Yamunā, in der Nähe des heutigen Delhi. Und da er ein großer König war, kamen viele gelehrte Weise dorthin.

Und Parīkṣit fragte nun all die großen Weisen, die sich dort eingefunden den hatten: „Was ist eigentlich meine Pflicht? Ich werde in sieben Tagen sterben. Was ist jetzt meine Pflicht? Ihr seid alle große Weise, bitte, unterweist mich." Einer der Anwesenden schlug vor, yoga zu praktizieren, andere, nach jñāna nach Wissen zu streben. Es wurden also verschiedene Dinge vorgeschlagen. Aber dann kam Śukadeva Gosvāmī dorthin, und obwohl er gerade erst sechzehn Jahre alt war, war er doch so gelehrt und weithin bekannt, daß sich all die alten Weisen, sogar sein eigener Vater, Vyāsadeva, erhoben, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen. Ein solches Wissen besaß er. Als er erschien, wurde einstimmig von allen Anwesenden beschlossen: „Hier ist Śukadeva Gosvāmī. Er soll sagen, was zu tun ist. Er soll für uns alle sprechen."

Śukadeva wurde also zum Sprechen bevollmächtigt, und ihm wurde die Frage gestellt: „Was ist meine Pflicht? Es ist mein gutes Geschick, daß Du zu dieser Stunde gekommen bist. Sage mir bitte, was ich tun muß."

Śukadeva Gosvāmī sagte: „Gut, ich werde Dir das Śrīmad-Bhāgavatam verkünden." Alle Anwesenden stimmten zu.
 
Das Śrīmad-Bhāgavatam  wurde zuerst von Śukadeva Gosvāmī verkündet, und weil eine reife Frucht, die ein Papagei berührt hat, noch besser schmeckt,  sagt man, daß das Śrīmad-Bhāgavatam durch die Berührung Śukadeva Gosvāmīs noch köstlicher geworden ist.

Das bedeutet, daß man die Veden und besonders das Śrīmad-Bhāgavatam oder die Gītā nur hören darf, wenn sie von einer selbstverwirklichten Seele gesprochen werden. Insbesondere die heiligen Schriften, die zu den Vaiṣṇava-Schriften gehören, sollte man nur hören, wenn sie von Gottgeweihten gesprochen werden. Darauf habe ich schon wiederholt hingewiesen.

Die Nicht-Gottgeweihten, die theoretisierenden Denker, diejenigen, die nach den Früchten ihres Tuns streben, diejenigen, die meditieren, und die yogīs, sind außerstande, die Gotteswissenschaft zu erklären. Das wird besonders noch von Sanātana Gosvāmī, einem anderen großen Weisen, hervorgehoben: „Alle diejenigen, die Gott nicht liebend dienen, die Gottlosen, die nicht an Gott glauben, diese Menschen haben kein Recht, über die Bhagavad-gītā oder das Śrīmad-Bhāgavatam oder überhaupt über eine heilige Schrift zu sprechen." Nicht jeder kann also einfach über das Bhāgavatam oder die Gītā sprechen, und wir müssen uns dies dann anhören. Nein. Sanātana Gosvāmī verbietet uns das nachdrücklich. Wir sollten nicht über Gott von jemandem hören, der nicht gereinigt ist.

Vielleicht wird man jetzt fragen: „Wie können die Worte Kṛṣṇas befleckt werden, die doch transzendental und vollkommen rein sind? Was schadet es schon, wenn wir von Nicht-Gottgeweihten hören? " Wir können darauf nur erwidern, daß Milch sehr gesund und nahrhaft ist, aber wenn sie von einer Schlange berührt wird, so wird sie augenblicklich zu Gift. Die Schlange ist voller Neid. Sie beißt und tötet sofort, ohne Grund. Sie gilt deshalb als das grausamste Tier unter allen Lebewesen. Die śāstras - wie alle heiligen Schriften - ermahnen uns zu Gewaltlosigkeit, aber Schlangen und Skorpione darf man töten. Es ist also falsch zu sagen, daß Milch sehr nahrhaft ist und wir sie ruhig trinken können - was macht es schon, wenn eine Schlange die Milch berührt hat! Nein, der Tod wird die Folge sein! Wenigstens die Bhagavad-gītā und das Śrīmad-Bhāgavatam dürfen wir nicht von Nicht-Gottgeweihten hören, die keine Erkenntnis von Gott haben und die auf Ihn neidisch sind. Die Berührung solcher Menschen vergiftet alles. Die Worte Gottes sind immer erhaben, aber sobald sie von einer Schlange in Form eines Nicht-Gottgeweihten berührt werden, muß man sich sehr vor dem Hören hüten.

Das Bhāgavatam sagt, daß es noch köstlicher wurde, weil Śukadeva mit ihm in Berührung gekommen war. Darin liegt der Unterschied. Das Bhāgavatam ist die reife Frucht vedischer Erkenntnis, aber gleichzeitig kam auch diese Frucht mit Śukadeva Gosvāmī in Berührung.

Gott ist das Höchste Ziel des yoga und der Urgrund aller transzendentalen Freuden. Er offenbart sich nur denjenigen, die Ihm bedingungslos ihr Leben geweiht haben, und durch die Gnade der Gottgeweihten können alle Seine unmittelbare Gegenwart erleben. » weiter

         
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