DIE QUELLE ABSOLUTEN WISSENS

von Seiner Göttlichen Gnade A.C Bhaktivedanta Swami Prabhupāda
Gründer und ācārya der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein


Die Quelle Absoluten Wissens    

UNSER WAHRES LEBEN

In der Bhagavad-gītā wird gesagt, daß vielleicht einer unter Tausenden von Menschen versuchen wird, die Vollkommenheit des Lebens zu erlangen. Der Mensch ist ein Tier, aber es gibt etwas, wodurch er sich vom Tier abhebt: das rationale Denken. Das bedeutet, er ist imstande zu denken und zu argumentieren. Diese Denkfähigkeit findet sich auch bei Hunden und Katzen. Wenn sich uns ein Hund nähert und wir ihm durch Gesten und Worte zu verstehen geben, daß wir ihn nicht wollen, dann versteht er das. Also auch dem Hund ist ein gewisses Maß an Denkfähigkeit gegeben. Aber wodurch unterscheidet sich nun die Denkfähigkeit des Menschen?

Denkfähigkeit finden wir auch bei Tieren, wenn es auf das körperliche Wohl ankommt. Wenn eine Katze aus unserer Küche Milch stehlen will, dann zeigt sie durchaus eine gewisse Denkfähigkeit: sie schaut ständig umher und wartet auf den Moment, in dem sie von niemandem beobachtet wird. Also, um zu essen, zu schlafen, sich fortzupflanzen und sich zu verteidigen, muß auch das Tier denken. In welcher Weise hebt sich nun die Denkfähigkeit des Menschen ab?

Das Besondere am Menschen ist, daß er imstande ist, zu fragen: „Warum leide ich?" Das erfordert eine bestimmte Denkfähigkeit. Die Tiere leiden, aber sie sind außerstande, etwas dagegen zu tun. Der Mensch aber will glücklich werden und versucht, auf allen Gebieten Fortschritte zu erzielen: in der Philosophie, in kulturellen Dingen, in der Religion. „Wo ist das Glück zu finden?" Diese Art des Denkens ist dem Menschen gegeben. Deswegen sagt Kṛṣṇa in der Gītā: „Von vielen, vielen Menschen wird vielleicht einer Mich kennen."

Im allgemeinen unterscheiden sich die Menschen kaum von den Tieren. Ihr Wissen bleibt auf die Bedürfnisse des Körpers beschränkt: wie kann ich am besten essen, wie am besten schlafen, wie mich am besten sexuell befriedigen und verteidigen. Und die Bhagavad-gītā sagt, daß vielleicht einer von tausenden sich die Frage stellen wird: „Warum leide ich? " Wir wollen kein Leid, aber Leid wird uns aufgezwungen. Wir wollen nicht zu viel Kälte, aber zu viel Kälte und zu viel Hitze werden uns aufgezwungen.

Wenn das Verlangen in uns ist, tiefer zu denken und diese Frage zu stellen, dann wird das brahma-jijñāsā genannt. Das steht im Vedānta-sūtra. In der ersten Strophe wird gesagt, daß man in diesem Leben als Mensch fragen muß, wie man die Probleme des Leidens lösen kann. Zu diesem Zweck ist einem die menschliche Form des Lebens gegeben worden.

Kṛṣṇa sagt, daß man diese Frage nicht so ohne weiteres stellen wird, und wenn, dann nur durch das Beisammensein mit Gottgeweihten, ähnlich wie wir es in unserer Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein haben. Durch ein Beisammensein dieser Art, bei dem über die wesentlichen Dinge des Lebens gesprochen wird, kann dieses besondere Geschenk, das uns als Mensch gegeben wurde, genutzt werden, und wir werden imstande sein, anzufangen als Menschen zu denken. Solange wir uns diese wesentliche Frage nicht stellen, ist auch all unser Tun zum Scheitern verurteilt, und wir leben nicht viel anders als die Tiere. Aber das hört auf, wenn wir uns fragen: „Wer bin ich eigentlich? Ist es mein Los zu leiden, ständig Schwierigkeiten zu haben?"

Schwierigkeiten gibt es ständig für uns, durch die Naturgesetze oder durch die Landesgesetze. Wie kann man nun von diesen Schwierigkeiten frei werden? Das Vedānta-sūtra sagt ebenfalls, daß die Seele, mein wahres Selbst, von Natur aus von Freude erfüllt ist. Ich aber leide. Kṛṣṇa sagt, daß wir uns Gott zu nähern beginnen, wenn wir diese Fragen stellen. Man sagt, daß diejenigen, die diese Fragen stellen, sich auf dem Pfad der Vollkommenheit befinden. Und wenn die Frage nach Gott kommt und die Frage nach unserer Beziehung zu Ihm, dann ist dies die Vollkommenheit unseres Lebens.

Kṛṣṇa sagt nun, daß vielleicht einer unter tausenden von Menschen versuchen wird, die Vollkommenheit des Lebens zu erreichen. Und von vielen Millionen solcher Menschen, die sich auf dem Pfad der Vollkommenheit befinden, wird vielleicht einer nur Kṛṣṇa verstehen. Es ist also nicht leicht, Kṛṣṇa zu verstehen. Aber gleichzeitig ist es auch sehr einfach. Es ist sehr leicht, wenn man dem vorgeschriebenen Pfad folgt.

Śrī Caitanya Mahāprabhu hat das Chanten von Hare Kṛṣṇa eingeführt. Eigentlich nicht eingeführt, denn es wird schon in den heiligen Schriften davon gesprochen, aber Er hat dieses Chanten überallhin verbreitet. In diesem Zeitalter ist es der einfachste Weg, der zur Selbstverwirklichung führt. Chanten Sie nur Hare Kṛṣṇa Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare / Hare Rāma Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare. Jeder kann das tun. Hier bin ich wahrscheinlich der einzige Inder. Meine Schüler hier sind Amerikaner, doch sie alle chanten und tanzen. Das bedeutet, daß es überall, in jedem Land, getan werden kann. Deshalb ist es sehr einfach. Vielleicht verstehen wir die Philosophie der Bhagavad-gītā nicht. Auch diese Philosophie ist nicht sehr schwer zu verstehen. Aber auch, wenn wir glauben, wir würden nicht verstehen, können wir trotzdem chanten: Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa.

Wenn wir Gott, Kṛṣṇa, verstehen wollen, dann ist das der Anfang - einfach chanten. Es gibt schon viele Schüler der ISKCON (Internationale Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein). Die Gesellschaft wurde vor etwa einem Jahr gegründet, aber einige unserer Schüler haben einzig durch das Chanten, durch die Gnade Kṛṣṇas, solche Fortschritte gemacht, daß sie über die Gotteswissenschaft sprechen können und imstande sind, Fragen zu beantworten. Dies ist also das einfachste System transzendentaler Meditation.

Kṛṣṇa sagt, daß von vielen Millionen Menschen vielleicht einer Ihn erkennen wird. Aber durch das Chanten des Hare Kṛṣṇa-mantra, so wie es von Śrī Caitanya Mahāprabhu eingeführt wurde - durch dieses Chanten und Tanzen - können wir Kṛṣṇa in sehr kurzer Zeit erkennen. Erkenntnis beginnt nicht mit Kṛṣṇa, sondern mit den Dingen, die wir jeden Tag zu sehen gewohnt sind.

Erde ist grobstofflich. Wenn man sie berührt, kann man ihre Härte spüren. Aber sobald sie sich verfeinert, ist sie Wasser, und die Berührung ist weich. Noch verfeinerter wird das Wasser zu Feuer. Nach dem Feuer oder der Elektrizität ist die Luft noch feiner, und danach ist dann der Äther noch feiner. Dann kommt der Geist, die Vernunft, dann die Intelligenz, die noch feiner ist. Und wenn man über die Intelligenz hinausgeht, um die Seele zu verstehen, darin wird man erkennen können, daß diese noch sehr viel feiner ist. Diese Elemente haben viele Wissenschaften entstehen lassen. Da gibt es z. B. die Geologen, die durch Analysen die im Erdboden befindlichen Mineralien erkennen können. Die einen suchen Silber, die anderen Gold, und wieder andere suchen Glimmer. Das ist das Wissen, das sich auf grobstoffliche Dinge, auf die Erde bezieht. Geht man zu feineren Substanzen über, dann erforscht man Wasser oder Flüssigkeiten, wie z. B. Benzin und Alkohol. Vom Wasser gelangt man dann zum Feuer und zur Elektrizität. Wenn man die Elektrizität erforscht, dann muß man alle möglichen Bücher studieren. Und vom Feuer kommt man dann zur Luft. Im Flugzeugbau haben wir große Fortschritte gemacht. Wir untersuchen genau, wie sich Flugzeuge bewegen und wie sie zusammengesetzt sind - jetzt gibt es Düsenflugzeuge und Satelliten - so viele neue Dinge werden entdeckt und entwickelt.

Als nächstes kommt das Studium des Äthers: Elektronik, ätherische Transformationen. Dann der Verstand - Psychologie und Psychiatrie. Und schließlich die Intelligenz, die Vernunft, welche die Spekulationen der Philosophie hervorbringt. Und die Seele? Gibt es eine Wissenschaft der Seele? Für die Materialisten jedenfalls nicht. Sie sind bis zum Studium des Äthers, des Verstandes und der Intelligenz vorgedrungen, aber darüber hinaus wissen sie nichts. Was jenseits der Intelligenz existiert, das wissen sie nicht. Aber in der Bhagavad-gītā kann man dies erfahren.

Die Bhagavad-gītā beginnt an dem Punkt, der hinter der Intelligenz liegt. Zu Beginn ist Arjuna verwirrt und er weiß nicht, ob er kämpfen soll oder nicht. Kṛṣṇa beginnt die Gītā an dem Punkt, an dem die Intelligenz versagt. Wo beginnt Erkenntnis der Seele? Nehmen wir ein spielendes Kind als Beispiel. Der Körper des Kindes ist jetzt klein, aber eines Tages wird das Kind erwachsen sein. Das können wir begreifen. Und die gleiche Seele wird weiterbestehen. Mit unserer Intelligenz also können wir verstehen, daß die Seele geblieben ist, obgleich der Körper sich geändert hat. Die gleiche Seele, die im Körper des Kindes war, ist noch im Körper des alten Mannes. Man sieht daraus also, daß die Seele geblieben ist und nur der Körper sich verändert hat. Das kann man ohne weiteres verstehen. Und wenn sich der Körper das letzte Mal verändert hat, dann wird das Tod genannt. Dieser Körper ändert sich jeden Moment, jede Sekunde, jeden Tag, jede Stunde, und wenn man in diesem Körper nicht mehr tätig sein kann, dann tritt die letzte Änderung ein, und man muß einen neuen anlegen. Das ist wie mit einem Anzug, der zu abgetragen ist, der zu alt ist - man kann ihn nicht mehr anziehen, man braucht einen neuen. Mit der Seele ist es auch so. Wenn der Körper zu alt wird und nicht mehr richtig funktioniert, dann brauche ich einen neuen. Dieser Punkt wird dann Tod genannt.

Hier beginnt die Bhagavad-gītā, hier, wo erste Erkenntnis über die Seele bereits vorhanden ist. Es gibt allerdings nur wenige, die begreifen können, daß die Seele unvergänglich ist, während der Körper dem Wandel unterworfen ist. Deshalb sagt Bhagavān, Śrī Kṛṣṇa, daß es unter vielen, vielen Millionen von Menschen vielleicht nur einen gibt, der dies versteht. Aber das Wissen über all diese Dinge ist schon da und es ist nicht schwierig, das alles zu begreifen, wenn wir wirklich verstehen wollen. Jeder kann verstehen.

Nun müssen wir noch nach dem Ich forschen, der feinsten stofflichen Substanz. Was ist Ich? Ich bin Geistesseele, aber mit meiner Intelligenz und meinem Verstand bin ich mit Materie in Berührung gekommen und nun identifiziere ich mich mit Materie. Dies ist falsches Ich. Ich bin Geistesseele, aber ich identifiziere mich mit etwas anderem. Zum Beispiel identifiziere ich mich mit einem bestimmten Land und glaube, Inder oder Amerikaner zu sein. Das nennt man ahaṅkara. Ahaṅkara ist der Punkt, an dem die reine Geistesseele Materie berührt. Dieser Berührungspunkt wird ahaṅkara genannt. Ahaṅkara ist noch feiner als Intelligenz.

Kṛṣṇa sagt, daß es acht stoffliche Elemente gibt: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Verstand, Intelligenz und falsches Ich. Unser Leben in Unwissenheit hat damit begonnen, daß wir uns mit etwas identifiziert haben, was wir in Wirklichkeit nicht sind. Wir glauben, wir seien Materie, obgleich wir jeden Tag, jeden Augenblick sehen daß wir nicht diese Materie sind. Die Seele ist unvergänglich, während Materie vergänglich ist. Diese falsche Vorstellung, diese Illusion wird ahaṅkara genannt, falsches Ich. Und frei werden bedeutet, sich von diesem falschen Ich zu lösen. Und was erkennt man dann? Ahaṁ brahmāsmi: ich bin Brahman, ich bin Geistesseele. Mit dieser Erkenntnis beginnt das Freiwerden.

Natürlich, wenn man krank ist, Fieber hat, und das Fieber auf die Normaltemperatur von 37° C zurückfällt, dann ist es zwar normal, aber man ist noch nicht geheilt. Für ein paar Tage hat man vielleicht eine Temperatur von 37° C, doch durch eine Änderung in der Diät oder eine Änderung im Verhalten steigt die Temperatur sofort wieder auf 39° C an. Man hat einen Rückfall erlitten. Ebenso ist auch die Reinigung der Vernunft, die Ablehnung dieser falschen ahaṅkara Identifikation - ich bin nicht dieser Körper, ich bin nicht Materie, ich bin Seele - nicht Erlösung. Es ist nur der Beginn der Erlösung. Wenn man an diesem Punkt verharrt und von da aus weitergeht - genauso, wie man auch seine Aktivitäten bei einer konstanten Temperatur von 37° C wieder aufnimmt - dann ist man gesund.

In der westlichen Welt z. B. ist es heutzutage üblich, Rauschmittel zu nehmen. Die Menschen wollen ihren Körper, das stoffliche Dasein, vergessen. Aber wie lange hält das an? Man wird immer wieder zurückgerufen. Im Rausch kann man vielleicht für ein oder zwei Stunden denken, daß man nicht dieser Körper ist, aber wenn man sich nicht wirklich auf der Ebene der Selbsterkenntnis befindet, dann ist es unmöglich, weiterzumachen. Aber trotzdem versuchen heutzutage sehr viele Menschen, zu glauben, daß sie nicht dieser Körper sind. Sie haben selbst erfahren, wie sie aufgrund dieses Körpers leiden müssen, und so hoffen sie dann, diesen Körper auf irgendeine Weise vergessen zu können.

Aber das ist nur eine negative Vorstellung. Sobald man sich wirklich selbst erkennt, genügt nicht mehr einfach die Erkenntnis, daß man Brahman ist. Wir müssen auch in diesem Zustand aktiv sein. Sonst sinken wir wieder tief hinab. Wenn man nur sehr hoch fliegt, dann kann dies das Problem der Mondflüge noch nicht lösen. Die verblendeten Menschen versuchen heutzutage, zum Mond zu gelangen; sie erheben sich 240 000 Meilen von der Erde, berühren den Mond und kehren zurück. Darauf sind sie dann sehr stolz. Es gibt so viele Gespräche über die Raumfahrt: Menschenmengen, Versammlungen und Konferenzen. Aber was haben sie eigentlich geleistet? Was sind schon 240 000 Meilen im unermeßlichen All! Auch wenn man 240 000 000 Meilen weit fliegt, man kommt trotzdem nicht weiter. Das also nützt alles nichts. Wenn man wirklich hoch hinauf will, dann braucht man auch eine bleibende Unterkunft. Wenn man dort ruhen kann, dann braucht man nicht herunterzukommen. Aber wenn man keine Ruhe finden kann, dann muß man wieder herunterkommen. Das Flugzeug fliegt hoch am Himmel, sieben Meilen, acht Meilen von der Erde entfernt, aber es kommt immer wieder herunter.

Also, nur ahaṅkara zu verstehen bedeutet nicht mehr, als zu verstehen, daß man sich falsch identifiziert. Wenn wir lediglich verstehen, daß wir nicht Materie sind, sondern Seele, dann ist das noch keine Vollkommenheit. Die Anhänger der Unpersönlichkeitslehre, die Philosophen des Nichts, denken nur an das Negative, daran, daß sie nicht Materie, nicht mit diesem Körper identisch sind. Das aber ist kein bleibender Zustand. Man muß nicht nur erkennen, daß man nicht Materie ist, man muß auch in der spirituellen Welt aktiv sein. Und diese spirituelle Welt bedeutet, im Kṛṣṇa-Bewußtsein tätig zu sein. Diese spirituelle Welt ist Kṛṣṇa-Bewußtsein, unser wirkliches Leben.

Was das falsche Ich ist, habe ich schon erklärt. Es ist weder Materie noch Geist, sondern der Punkt, an dem die Geistesseele mit Materie in Berührung kommt und vergißt, wer und was sie ist. Das gleicht einem Menschen im Delirium, der krank ist und dessen Geist sich verwirrt; der allmählich vergißt, wer er ist, und der dann verrückt wird. Es ist ein allmähliches Vergessen. Es gibt also einen Anfang, und dann kommt der Punkt, an dem man tatsächlich vergißt. Und der Anfang dieses Vergessens wird ahaṅkara oder falsches Ich genannt.

Durch das Chanten des mahā-mantra - Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare / Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare - hört nicht nur die falsche Vorstellung auf, die wir von unserem Selbst haben, sondern die Geistesseele beginnt wieder, auf der Ebene der Ewigkeit, der reinen Erkenntnis und des göttlichen Glücks in hinschenkender, dienender Liebe zu Gott, aktiv zu sein. Das ist die höchste Stufe, das endgültige Ziel aller Lebewesen, die jetzt den Kreislauf und die Lebensformen der materiellen Natur durchwandern. » weiter

         
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