DIE QUELLE ABSOLUTEN WISSENS

von Seiner Göttlichen Gnade A.C Bhaktivedanta Swami Prabhupāda
Gründer und ācārya der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein


Die Quelle Absoluten Wissens    

KṚṢṆA, DER URGRUND ALLER FREUDE

Kṛṣṇa - dieser Klang ist transzendental. Kṛṣṇa bedeutet höchste Freude. Wir alle suchen nach Freude - jedes Lebewesen. Aber wir haben den wirklichen Weg, auf dem diese Freude zu finden ist, vergessen. Durch unsere materialistische Lebensauffassung wird es uns ständig unmöglich gemacht, wahre Freude zu erleben, weil wir nicht wissen, auf welcher Ebene wirkliche Freude erlebt werden kann. In den vergangenen Wochen haben wir gelernt, daß wir nicht dieser Körper sind. Wir sind Bewußtsein. Eigentlich nicht Bewußtsein, denn das Bewußtsein ist das Kennzeichen unserer wahren Identität: wir sind reine Geistesseele, die jetzt in diesen materiellen Körper eingegangen ist. Die heutige materialistische Wissenschaft vernachlässigt diese Tatsache vollkommen. Deshalb findet man bei den Wissenschaftlern nur allzu oft ein unzulängliches Verständnis von der Geistesseele. Aber die Geistesseele existiert. Das kann jeder durch das Vorhandensein des Bewußtseins begreifen. Jedes Kind kann verstehen, daß Bewußtsein das Merkmal der Geistesseele ist.

Alles, was wir aus der Bhagavad-gītā (Der Gesang Gottes) zu lernen versuchen, ist, auf diese Stufe des Bewußtseins zu gelangen. Und wenn wir von der Stufe des Bewußtseins ausgehend handeln, dann können wir nicht wieder auf die Stufe des Materialismus zurückfallen. Wenn wir auf der Stufe des Bewußtseins bleiben können, wenn es uns gelingt, in geläutertem Bewußtsein zu handeln, dann werden wir beim Verlassen dieses Körpers von allem Schmutz der Materie frei werden; unser geistiges Leben wird wieder erwachen, und die Folge davon ist, daß wir nach Verlassen dieses Körpers in unserem nächsten Dasein unser erfülltes, ewiges, transzendentales Leben erlangen. Die Seele ist, wie wir schon besprochen haben, unvergänglich ewig. Auch nach Auflösung dieses Körpers, wird das Bewußtsein nicht zerstört. Das Bewußtsein wird auf einen anderen Körper übertragen und es läßt uns wiederum des Lebens in dieser materiellen Welt bewußt werden. Auch das wird in der Bhagavad-gītā beschrieben. Ist unser Bewußtsein zur Todesstunde rein, dann wird unser nächstes Leben nicht materiell sein - unser nächstes Leben wird spirituell sein. Wenn aber unser Bewußtsein zur Todesstunde nicht rein ist, dann müssen wir nach Verlassen dieses Körpers wieder einen materiellen Körper annehmen. So geht das vor sich. Das ist das Gesetz der Natur.

Wir haben jetzt einen voll entwickelten Körper. Der Körper, den wir sehen, ist der grobstoffliche Körper. Es verhält sich genau so wie mit einem Hemd und einer Jacke: im Innern der Jacke ist das Hemd und innerhalb des Hemdes ist der Körper. So ist auch die reine Geistesseele von einem Hemd und einer Jacke bedeckt. Die Kleidungsstücke sind der Verstand, die Intelligenz und das falsche Ich. Falsches Ich bedeutet die falsche Vorstellung, daß ich ein Produkt dieser materiellen Welt bin. Diese falsche Vorstellung schränkt mich sofort ein. Ich bin z. B. in Indien geboren, und deshalb halte ich mich für einen Inder; bin ich in Amerika geboren, dann halte ich mich für einen Amerikaner. Doch als Geistesseele bin ich weder Inder noch Amerikaner. Ich bin reine Geistesseele. Das andere sind nur Bezeichnungen. Amerikaner oder Inder, Deutscher oder Engländer, Katze oder Hund, Mann oder Frau: all dies sind Bezeichnungen. Sobald wir spirituelles Bewußtsein erlangen, werden wir frei von all diesen Bezeichnungen. Diese Freiheit erreichen wir, wenn wir ständig mit Kṛṣṇa, dem Höchsten, in Verbindung stehen.

Es ist das Ziel der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein, uns ständig mit Kṛṣṇa in Berührung zu halten. Kṛṣṇa kann ständig bei uns sein, weil Er allmächtig ist. Daher kann Er durch Seine Worte vollständig mit uns in Berührung sein. Seine Worte und Er selbst sind nicht voneinander verschieden. Das ist Allmacht. Allmacht bedeutet, daß alles, was mit Ihm in Zusammenhang steht, die gleiche Macht besitzt. Wenn wir in dieser Welt Durst haben und trinken wollen, dann löscht das Wiederholen des Wortes „Wasser" unseren Durst nicht, denn dieses Wort besitzt nicht die gleiche Kraft wie das Wasser selbst. Wir brauchen die Substanz des Wassers, dann erst wird unser Durst gelöscht. Doch in der transzendentalen, der absoluten Welt besteht kein solcher Unterschied - Kṛṣṇas Name, Kṛṣṇas Eigenschaften, Kṛṣṇas Worte - alles ist Kṛṣṇa und bringt die gleiche Erfüllung.

Es gibt nun diejenigen, die sagen, daß Arjuna deshalb mit Kṛṣṇa sprach, weil Kṛṣṇa direkt vor ihm stand, wohingegen in unserem Fall Kṛṣṇa nicht gegenwärtig ist. Wie kann ich dann also Unterweisungen empfangen? Aber das ist nun keineswegs so. Kṛṣṇa ist durch Seine Worte anwesend, durch die Bhagavad-gītā. Wenn wir in Indien über die Bhagavad-gītā oder das Śrīmad-Bhāgavatam sprechen, verrichten wir unsere Andacht mit Blumen und anderen Dingen, die dazugehören. Man betet ja auch in der Sikh-Religion das Buch Granthasahib an, obwohl diese Religion einen persönlichen Gott nicht kennt. Vielleicht kennen einige von Ihnen diese Sikh-Gemeinde. Sie verehrt dieses Grantha, die Mohammedaner beten den Koran an, und die Christen verehren die Bibel. Es ist tatsächlich so, daß Jesus Christus durch seine Worte anwesend ist. Und auch Kṛṣṇa ist durch Seine Worte anwesend.

Wenn Gott oder Gottes Sohn aus der transzendentalen Welt zu uns kommt, dann behält er seine transzendentale Identität. Er wird von der materiellen Welt nicht berührt. Darin besteht seine Allmacht. Man sagt, daß Gott allmächtig ist. Allmacht bedeutet, daß Er von Seinem Namen, Seinen Eigenschaften, Seinen transzendentalen Spielen und Seinen Unterweisungen nicht verschieden ist. Deshalb ist ein Gespräch über die Bhagavad-gītā so gut wie ein Gespräch mit Kṛṣṇa selbst.

Kṛṣṇa weilt in Ihrem Herzen und auch in meinem. Īśvaraḥ sarva-bhūtānāṁ hṛddeśe'rjuna tiṣṭhati. Gott weilt im Herzen eines jeden Wesens. Gott ist uns nicht fern. Er ist gegenwärtig. Er ist so gütig, daß Er auch im sich wiederholenden Wandel der Geburten bei uns bleibt. Er wartet darauf, daß wir uns Ihm zuwenden. Er ist so gütig, daß Er uns nie vergißt - auch wenn wir Ihn vergessen. Obwohl ein Sohn seinen Vater vergessen mag, vergißt ein Vater nie seinen Sohn. Und so vergißt auch Gott uns nie, der ursprüngliche Vater aller Menschen und aller Lebewesen. Wir mögen vielleicht andere Körper annehmen, doch das sind nur unsere Hemden und Jacken. Die haben nichts mit unserer wirklichen Identität zu tun. Unsere wahre Identität ist Geistesseele, und diese reine Geistesseele ist wesentlicher Bestandteil des Höchsten. Es gibt 8 400 000 Arten des Lebens. Selbst die Biologen und Anthropologen können das nicht genau berechnen, aber durch die autoritativen Offenbarungsurkunden erfahren wir das. Von den menschlichen Wesen gibt es 400 000 Arten, und außerdem gibt es 8 Millionen andere Arten. Kṛṣṇa, der Höchste, aber sagt, daß alle, ob sie nun Raubtiere, Menschen, Schlangen oder Halbgötter sind, daß alle in Wirklichkeit Seine Söhne sind.

Der Samen kommt vom Vater und die Mutter empfängt den Samen. Dem Körper der Mutter entsprechend bildet sich dann ein neuer Körper und wenn der Körper voll entwickelt ist, verläßt er den Mutterleib. Das ist der Vorgang der Fortpflanzung. Der Samen kommt vom Vater. Er wird von zwei bestimmten Sekreten im Schoße der Mutter emulgiert, und dann bildet sich schon in der ersten Nacht der Körper, wie eine Erbse. Und dann entwickelt er sich allmählich. Es gibt neun Öffnungen, die sich bilden: Zwei Ohren, zwei Augen, Nasenlöcher, Mund, ein Nabel, ein Penis und ein Anus.

Seinem letzten karma (seiner Handlungsweise) entsprechend erhält man diesen Körper, der einem Leid oder Freude bringt. Das ist der Vorgang von Geburt und Tod, und am Ende dieses Lebens stirbt man wiederum, und erneut gelangt man in den Schoß einer Mutter. Ein anders gearteter Körper entwickelt sich dann. Das wird Reinkarnation genannt. Wir müssen versuchen, diesen Kreislauf der Geburten und Tode, dieses Wechseln der Körper, zu beenden. Das ist in der menschlichen Form des Lebens möglich. Wir können diesen Vorgang des sich wiederholenden Wandels durch Geburt und Tod beenden. Wir können unseren eigentlichen, spirituellen Körper wiedererlangen und wirklich glücklich sein, voller Erkenntnis und ewigem Leben. Das ist der Sinn der Evolution. Wir dürfen dies nicht verfehlen. Der Weg, der zur Befreiung führt, beginnt genauso, wie wir eben mit dem Chanten und dem Hören begonnen haben. Ich möchte hier noch einmal darauf hinweisen, daß dieses Chanten der heiligen Gottesnamen ( HARE KṚṢṆA, HARE KṚṢṆA, KṚṢṆA KṚṢṆA, HARE HARE / HARE RĀMA, HARE RĀMA, RĀMA, RĀMA, HARE HARE ) und das Hören der Wahrheiten der Gītā einem direkten Beisammensein mit Kṛṣṇa gleichkommt. Das steht in der Gītā geschrieben, und das wird kīrtan genannt. Auch wenn man die Sprache nicht versteht, erwirbt man allein durch das Hören ein wenig Ehrfurcht. Seine guten Charaktereigenschaften führen einen dahin, ein frommes Leben zu führen, auch wenn man nichts versteht. Es hat eine solche Kraft.

Es gibt zwei Arten von heiligen Schriften über Kṛṣṇa: zu der einen gehört die Bhagavad-gītā - sie wird von Kṛṣṇa gesprochen; zu der anderen gehört das Śrīmad-Bhāgavatam - im Bhāgavatam  wird über Kṛṣṇa gesprochen. Es gibt also zwei Arten von Kṛṣṇa kathā (Abhandlungen) und beide sind gleichermaßen mächtig, weil sie sich auf Kṛṣṇa beziehen.

Da die Bhagavad-gītā nun auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra gesprochen wird, stellt sich sehr oft die Frage, was wir denn eigentlich mit einem Schlachtfeld zu tun haben. Wir haben nichts mit irgendeinem Schlachtfeld zu tun. Wir suchen Erkenntnis über das spirituelle Reich. Warum sollen wir uns dann also mit diesem Schlachtfeld befassen? Weil Kṛṣṇa auf dem Schlachtfeld ist und daher das ganze Schlachtfeld von Kṛṣṇa durchdrungen wird. Das gleicht einer Stromleitung, die an ein Stück Metall gehalten wird. Das Metall wird augenblicklich mit Strom geladen. Und so wird auch etwas, dem sich Kṛṣṇa zuwendet, augenblicklich von Kṛṣṇa durchdrungen. Sonst brauchten wir über die Schlacht von Kurukṣetra kein Wort zu verlieren. Das also ist Kṛṣṇas Allmacht.

Diese Allmacht wird auch im Śrīmad-Bhāgavatam beschrieben. Es gibt viele Kṛṣṇa kathās. Das vedische Schrifttum ist angefüllt mit Kṛṣṇa kathā. Schon das Wort Veda sagt, daß es sich um Kṛṣṇa kathā handelt. Die heiligen Schriften einschließlich der Veden mögen dem Anschein nach verschieden sein, aber sie alle sind Kṛṣṇa kathā. Was geschieht nun, wenn wir über Kṛṣṇa hören? Diese Kṛṣṇa kathā sind reine, transzendentale Lautschwingungen und lassen unser spirituelles Bewußtsein wiederaufleben.

Durch den Schmutz der Materie, hat sich im Laufe vieler, vieler Leben viel Unrat in unseren Herzen angesammelt - vieler, vieler Leben, nicht nur in diesem Lebens, sondern auch in vergangenen Leben. Wenn nun unsere Herzen mit Kṛṣṇa kathā durchdrungen werden, dann wird der Unrat, der sich angesammelt hat, fortgespült. Unser Herz wird von allem Schmutz rein gewaschen. Und sobald der Schmutz fort ist, manifestiert sich wieder das reine Bewußtsein.

Es ist recht schwer, alle falschen Bezeichnungen loszuwerden, wie z. B. „ich bin Inder." Es ist keineswegs leicht, mir vorzustellen, daß ich nicht Inder bin, sondern reine Geistesseele. Es ist für niemanden leicht, aufzuhören, sich mit diesen vergänglichen Bezeichnungen zu identifizieren. Aber wenn wir weiter Kṛṣṇa kathā hören, dann wird es sehr einfach. Versuchen Sie es einmal. Versuchen Sie es einmal, um festzustellen, wie leicht es wird, von all diesen Bezeichnungen, von all diesen falschen Vorstellungen frei zu werden. Natürlich ist es nicht möglich, den Geist sofort von allem Schmutz zu reinigen, aber wir merken doch gleich, daß der Einfluß der materiellen Natur nachgelassen hat.

Diese materielle Natur wirkt sich in drei Erscheinungsformen aus - in Reinheit, Leidenschaft und Unwissenheit. Ein Leben in Unwissenheit ist hoffnungslos. Leidenschaft ist materialistisch. Wer von der Erscheinungsweise der Leidenschaft beeinflußt wird, trachtet nach diesem falschen Genuß des materiellen Lebens. Weil man die Wahrheit nicht kennt, versucht man, mit der Kraft dieses Körpers die Materie zu genießen. Das also ist die Erscheinungsform der Leidenschaft. Wer sein Leben in Unwissenheit verbringt, in dem ist weder Leidenschaft noch Reinheit. Solch ein Mensch lebt in tiefster Finsternis. Durch die Erscheinungsform der Reinheit können wir zumindest einmal theoretisch verstehen, was wir sind, was diese Welt ist, was Gott ist und unsere Beziehung zu Ihm. Das also ist die Erscheinungsform der Reinheit.

Durch das Hören von Kṛṣṇa kathā werden wir frei von Unwissenheit und Leidenschaft. Wir werden uns in der Erscheinungsform der Reinheit befinden. Und wir werden wirkliche Erkenntnis erlangen - Erkenntnis von dem, was wir sind. Unwissenheit gleicht dem Tierleben. Das Dasein eines Tieres ist voller Leiden, doch das Tier weiß nicht, daß es leidet. Nehmen wir ein Schwein als Beispiel. Hier in New York sieht man natürlich keine Schweine, aber in den Dörfern Indiens sieht man sie überall. Was für ein jämmerliches Dasein es ist, an unsauberen Orten zu leben, Kot zu fressen und immer verdreckt zu sein. Aber das Schwein weiß nicht, in welcher Situation es sich befindet. Es ist sehr vergnügt und freut sich über den Kot, den Sex und das Fettwerden.

Wir dürfen es dem Schwein nicht gleich tun und in unserer Unwissenheit glauben, glücklich zu sein. Tagaus, tagein mühen wir uns ab, arbeiten oft sogar noch nachts, versuchen dann noch, unseren Sexualtrieb zu befriedigen und meinen, auf diese Weise glücklich zu werden. Aber das ist kein Glück. Das Bhāgavatam bezeichnet dies als das Glück eines Schweines. Der Mensch ist erst glücklich, wenn die Erscheinungsform der Reinheit in ihm überwiegt. Dann begreift er, was wahres Glück ist. Wenn wir in unserem täglichen Leben diese Kṛṣṇa kathā hören, dann wird aller Unrat, der sich in den verschiedenen Leben in unseren Herzen angesammelt hat, fortgespült. Wir werden tatsächlich erkennen können, daß wir uns nicht mehr im Zustand der Unwissenheit oder der Leidenschaft, sondern im Zustand der Reinheit befinden. Was bedeutet dies nun eigentlich?

In allen Situationen des Lebens werden wir von Freude erfüllt sein. Nichts wird uns verdrießlich stimmen können. In der Bhagavad-gītā steht, daß dies unser brahma-bhūta Zustand (höchste Stufe der Reinheit) ist. Die Veden lehren uns, daß wir nicht aus dieser Materie bestehen. Wir sind Brahman. Ahaṁ brahmāsmi. Śaṅkarācārya predigte der Welt diese Lehre. Wir sind nicht Materie. Wir sind Brahman, Geistesseele. Wenn spirituelle Verwirklichung tatsächlich erreicht ist, dann ändert sich unser Verhalten. Und wie ändert es sich? Wenn man sein eigenes, spirituelles Bewußtsein wiedererlangt hat, dann gibt es kein selbstisches Begehren mehr und kein Klagen. Wir klagen, weil wir etwas verloren haben und wir begehren, weil wir etwas gewinnen wollen. Zwei Krankheiten kennzeichnen diese materielle Welt: wir sehnen uns nach dem, was wir nicht besitzen: „Wenn ich diese Dinge hätte, würde ich glücklich sein. - Ich habe jetzt kein Geld, aber wenn ich eine Million Dollar hätte, dann würde ich glücklich sein." Und wenn wir dann eine Million Dollar haben, gehen sie uns irgendwie verloren, und dann jammern wir: „Ach, ich habe alles verloren!" Wenn wir Verlangen nach Gewinn haben, dann ist das immer mit Leid verbunden und wenn wir Verlust erleiden, dann ist das ebenfalls mit Schmerz verbunden. Wenn wir uns aber auf der Stufe des brahma-bhūta befinden, dann sind wir weder niedergeschlagen noch haben wir irgendwelche Verlangen. Wir werden jeden und alles als gleich ansehen. Auch wenn wir uns inmitten größter Unruhe und größten Aufruhrs befinden, werden wir nicht unsere Ruhe verlieren. Das ist die Erscheinungsform der Reinheit.

Bhāgavatam  bedeutet Gotteswissenschaft. Wenn wir uns der Gotteswissenschaft mit Ausdauer widmen, können wir den Zustand des brahma-bhūta erlangen. Im brahma-bhūta Zustand müssen wir aktiv sein, denn es wird einem auch auf dieser Stufe empfohlen, sich aktiv zu betätigen. Solange wir diesen materiellen Körper haben, müssen wir uns betätigen. Wir können damit nicht aufhören. Das ist nicht möglich. Aber wir müssen die Prinzipien des yoga lernen. Und auch, wenn wir dann ganz gewöhnlichen Betätigungen nachgehen, denen wir aufgrund des Schicksals oder der Umstände nachgehen müssen, dann wirkt sich dies nicht gegen uns aus. Nehmen wir einmal an, wir müßten bei der Ausübung unseres Berufes eine Lüge anwenden, um überhaupt weiter existieren zu können. Es ist nicht gut, zu lügen, und deshalb könnte man sehr wohl sagen, daß eine derartige Betätigung auf unmoralischen Prinzipien beruht. Es wäre dann besser, sich eine andere Tätigkeit zu suchen. Aber die Bhagavad-gītā rät uns, das gerade nicht zu tun. Auch wenn wir in solche Umstände geraten, daß wir unseren Lebensunterhalt nicht ohne unfaire Handlungen bestreiten können, sollten wir unsere Tätigkeit nicht aufgeben. Wir müssen jedoch versuchen unser Tun zu läutern. Aber wie kann man sein Tun läutern? Wir dürfen die Früchte unseres Tuns nicht für uns beanspruchen. Sie sind für Gott bestimmt.

Sukṛta bedeutet gottesfürchtiges Tun und duskṛta bedeutet gottloses Tun. Im materiellen Bewußtsein können wir sowohl gottesfürchtig als auch gottlos sein. Und unser Tun ist dann fromm oder gottlos, oder es besteht aus einer Mischung von fromm und gottlos. Kṛṣṇa gibt uns den Rat, in Erkenntnis über den Höchsten und mit liebender Hingabe zu handeln. Und worin besteht diese Erkenntnis? Sie besteht darin, daß ich erkenne: ich bin ein wesentlicher Bestandteil des höchsten Bewußtseins, ich bin nicht dieser Körper. Wenn ich glaube, ich sei Amerikaner oder Inder oder sonst irgendetwas, dann befinde ich mich auf der materiellen Ebene der Erkenntnis. Wir sind weder Amerikaner noch Inder, sondern reines Bewußtsein, dem höchsten Bewußtsein untergeordnet. Mit anderen Worten: wir sind Diener Gottes. Gott ist das höchste Bewußtsein, und wir sind Seine Diener. Untergeordnet bedeutet also in diesem Zusammenhang: dienen.

Im allgemeinen entspricht unser Tun nicht dem eines Dieners Gottes. Denn niemand möchte dienen, alle wollen Meister, wollen Herr sein. Dienen wird im allgemeinen als unangenehm empfunden. Aber das Gottdienen ist etwas ganz anderes. Manchmal wird der Diener Gottes zum Meister, zum Herren Gottes. Die wahre Position aller Wesen besteht darin Diener Gottes zu sein, aber anhand der Bhagavad-gītā sehen wir, daß der Meister, Kṛṣṇa, Arjunas Diener wurde. Arjuna sitzt in einem Wagen und Kṛṣṇa ist der Wagenlenker. Arjuna ist nicht der Besitzer des Wagens, aber die spirituellen Beziehungen sind frei von allen materiellen Einflüssen. Obgleich Beziehungen, wie wir sie in dieser Welt erleben, auch in der spirituellen Welt bestehen, sind diese frei von der verunreinigenden Einwirkung der Materie. Sie sind daher vollkommen rein und transzendental. Sie sind von völlig anderer Wesensart. Sobald wir uns ganz dem spirituellen Leben widmen, beginnen wir, die Beziehungen und das Leben der spirituellen, transzendentalen Welt zu verstehen.

Kṛṣṇa unterweist uns hier in buddhi-yoga. Buddhi-yoga bedeutet, daß wir uns vollkommen bewußt werden, daß wir nicht dieser Körper sind. Wir müssen in diesem Sinne handeln. Ich bin nicht Körper - ich bin Bewußtsein. Das ist eine Tatsache. Wenn wir auf dieser Stufe des Bewußtseins handeln, dann können wir den Früchten des guten wie auch des schlechten Werketuns entsagen. Das ist die transzendentale Ebene.

Das bedeutet, daß wir jemand anderem zuliebe handeln - dem Höchsten zuliebe. Für Verlust oder Gewinn sind wir nicht verantwortlich. Wenn es irgendeinen Gewinn gibt, dürfen wir nicht überheblich werden. Wir sollten denken: „Dieser Gewinn ist für den Herrn." Und bei Verlusten müssen wir uns darüber im Klaren sein, daß nicht wir dafür verantwortlich sind. Es ist Gottes Werk. Wenn wir so handeln, werden wir glücklich sein. Das müssen wir lernen: alles Gott zuliebe zu tun. Diesen transzendentalen Wesenszug müssen wir entwickeln. Darin besteht die Kunst, unter den jetzigen Umständen unser Tun zu verrichten. Sobald wir aber auf der Stufe des körperlichen Bewußtseins unsere Werke tun, werden wir durch die Reaktionen unserer Handlungen gebunden. Wenn wir aber in spirituellem Bewußtsein unsere Werke tun, dann werden wir weder durch gutes noch durch schlechtes Tun gebunden. Das ist der Vorgang.

Manīṣiṇaḥ - dieses Wort ist von großer Bedeutung. Manīṣin bedeutet nachdenklich. Wenn man nicht nachzudenken beginnt, kann man nicht begreifen, daß man nicht dieser Körper ist. Doch wenn man zu denken beginnt, dann wird es einem ganz klar, daß man nicht Körper ist, sondern Bewußtsein. Sicherlich haben wir uns alle einmal sagen gehört: „Dies ist mein Finger und dies ist meine Hand. Dies ist mein Ohr und dies ist meine Nase." Alles ist mein, aber wo ist das Ich, das mein sagt? Ich fühle, daß dies mein ist und daß ich bin. Man muß nur einmal ein wenig nachdenken. Alles ist mein - meine Augen, meine Finger, meine Hand. Mein, mein, mein, und was ist das Ich? Das Ich ist das Bewußtsein, mit dem ich denke, „dies ist mein."

Wenn ich nun nicht dieser Körper bin, warum sollte ich dann für diesen Körper handeln? Ich sollte lieber für mich selbst handeln. Wie soll ich also mein Tun verrichten, daß es sich günstig für mich auswirkt? In welcher Position befinde ich mich eigentlich? Ich bin Bewußtsein, aber was für ein Bewußtsein? Ich bin untergeordnetes Bewußtsein - ich bin Teil des höchsten Bewußtseins. Welcher Art müssen dann meine Handlungen sein? Sie unterstehen der Führung des höchsten Bewußtseins, genauso wie in einem Büro. Da ist der Geschäftsführer das höchste Bewußtsein. Jeder arbeitet unter seiner Führung. Er allein ist letztlich verantwortlich. Die anderen müssen ihren jeweiligen Pflichten nachkommen. Pflichten guter oder schlechter Natur - darauf kommt es nicht an. Bei der Armee ist es ja auch so, da kommt der Befehl vom Befehlshaber. Der Soldat hat ihn auszuführen. Er überlegt nicht, ob dieser Befehl gut oder schlecht ist. Das spielt keine Rolle. Er hat lediglich zu handeln, dann ist er ein richtiger Soldat. Wenn er in dieser Weise handelt, dann wird er auch dementsprechend belohnt. Ihm werden Orden und Auszeichnungen verliehen. Er kümmert sich nicht darum. Der Befehlshaber befiehlt, den Feind zu töten, und der Soldat wird entsprechend belohnt. Nicht weil er getötet hat, wird er belohnt, sondern weil er seiner Pflicht nachgekommen ist.

Hier haben wir eine ähnliche Situation. Kṛṣṇa unterweist Arjuna. Kṛṣṇa ist das höchste Bewußtsein. Ich bin Bewußtsein, ein wesentlicher Teil des höchsten Bewußtseins. Somit ist es meine Pflicht, im Sinne des höchsten Bewußtseins zu handeln. Zum Beispiel halte ich meine Hand für einen Teil meines Körpers. Jetzt bewegt sie sich. „So wie ich es will, soll sich meine Hand bewegen - auch meine Beine. Meine Augen sollen sich öffnen und sehen". Ich befehle also, und diese Teile bewegen sich. In gleicher Weise sind wir alle Teile des Höchsten. Wenn wir uns darin üben, uns in Übereinstimmung mit dem höchsten Bewußtsein zu bewegen und zu handeln, dann übertreffen wir alles gute und schlechte Werketun und gelangen auf die Ebene der Transzendenz. Das ist der ganze Vorgang. Und was resultiert dann daraus? Wir werden aus den Fesseln von Geburt und Tod befreit. Keine Geburten mehr und keine Tode.

Die heutigen Wissenschaftler und Philosophen ziehen diese vier Dinge nicht in Betracht: Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Sie schieben das alles beiseite: „Ach laßt uns glücklich sein, genießen wir das Leben!" Das menschliche Leben aber ist dazu bestimmt, eine Lösung dieses Problems der Versklavung durch Geburt, Alter, Krankheit und Tod zu finden. Wenn die Menschheit auf diese vier Probleme keine Antwort gefunden hat, dann hat sie das Menschsein noch nicht verwirklicht. Die Menschheit hat die Aufgabe, eine endgültige Lösung für diese Probleme zu finden.

Hier, in der Bhagavad-gītā also, sagt Kṛṣṇa, „Karmajaṁ buddhi-yuktāḥ." Karmajaṁ bedeutet, daß jede Aktion eine Reaktion auslöst. Auf eine schlechte Handlung folgt eine schlechte Reaktion. Jede Reaktion jedoch, ob nun gut oder schlecht, ist in einem höheren Sinn immer mit Leid verbunden. Nehmen wir einmal an, mir würde aufgrund guter Handlungen eine gute Geburt gegeben: stattliches Aussehen, Reichtum, eine gute Erziehung, etc. All dies steht mir vielleicht zur Verfügung, aber das bedeutet nicht, daß mich die Leiden, die es in dieser Welt gibt, nicht betreffen. Diese Leiden sind Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Auch wenn ich reich, schön und gebildet und in eine aristokratische Familie geboren bin, dem Alter, der Krankheit und dem Tod kann ich deshalb trotzdem nicht entkommen.

Es darf uns also nicht um gutes oder schlechtes Werketun gehen. Wir müssen uns ausschließlich dem transzendentalen Werketun widmen. Das rettet uns aus dieser Versklavung durch Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Das muß das Ziel unseres Lebens sein. Wir dürfen nicht nach guten oder schlechten Dingen trachten. Nehmen wir einmal das Beispiel eines Kranken, der im Bett liegt, ißt, bittere Medizin einnimmt und nur unter großen Schwierigkeiten seine Notdurft verrichten kann. Die Krankenschwestern müssen ständig darauf achten, daß er sauber bleibt, da er sonst einen scheußlichen Geruch verbreitet. Wie er nun in diesem Zustand so daliegt, kommen ein paar Freunde zu Besuch und fragen ihn, wie er sich fühlt. „Ja, ich fühle mich wohl." Was soll das heißen? Unbequem im Bett zu liegen, bittere Medizin zu schlucken und unfähig sein, sich zu bewegen? Und trotz dieses erbärmlichen Zustandes sagt der Kranke „mir geht es gut." Wenn wir nur materielle Lebensziele kennen und glauben, wir seien auf diese Weise glücklich, dann ist das eine ebensolche Dummheit. Im materiellen Leben gibt es kein Glück. Es ist unmöglich, hier glücklich zu werden. In unserem jetzigen Zustand wissen wir überhaupt nicht, was Glück eigentlich ist. Deshalb wird das Wort manīṣiṇah - nachdenklich - gebraucht.

Nach dem Glück suchen wir mit völlig unnatürlichen, unserer Natur überhaupt nicht entsprechenden Mitteln. Und wie lange währt dieses Glück? Es verläßt uns nur allzubald wieder, und wir kehren zum Leid zurück. Durch den Rausch kommt man dem Glück auch nicht näher. Denn das ist kein wirkliches Glück. Durch Chloroform verlieren wir das Bewußtsein und fühlen die Schmerzen einer Operation nicht; das bedeutet aber nicht, daß wir nicht operiert werden. So etwas ist also nicht echt. Aber echte Freude und wirkliches Leben gibt es.

Wie Śrī Kṛṣṇa in der Bhagavad-gītā sagt, entsagen die wirklich nachdenklichen Menschen den Früchten des Tuns, weil ihr Bewußtsein geläutert ist. Die Versklavung, die durch Geburt, Alter, Krankheit und Tod entsteht, findet ihr endgültiges Ende, und die Verbindung zu Kṛṣṇa, dem Urgrund aller Freude und ewigen Glücks, wird wieder hergestellt. Hier findet sich dann die Freude, für die wir alle bestimmt sind. » weiter

         
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