Die Autorität der Veden


von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

1. Auflage 1972 als HTML-Version zum online Lesen


 

Einleitung
 
Am 11. Januar 1970 erschien in der Los Angeles Times ein Artikel über die Internationale Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewusstsein. Wir bringen nachstehend einen Auszug dieses Artikels und anschließend den daraus entstandenen Briefwechsel zwischen A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda und Dr. J. F. Staal.

AUSZUG AUS DEM ARTIKEL DER LOS ANGELES TIMES:

„. . . Dr. J. F. Staal, Professor der Philosophie und südasiatischer Sprachen an der Universität von Berkeley und Dozent der indischen Philosophie, glaubt, daß die Hare Kṛṣṇa-Sekte eine authentische indische Religion ist und daß ihre Anhänger durchaus ernstzunehmen sind. Er schreibt den rapiden Zuwachs an Mitgliedern dieser Gemeinschaft der Tendenz der heutigen jüngeren Generation zu, organisierten Kirchgang abzulehnen, gleichzeitig aber nach Erfüllung im Mystizismus zu suchen.

„Er hebt jedoch hervor, daß Menschen, die sich vom Christentum, vom Islam oder vom Judentum abwenden, gewöhnlich ihren Glauben an den persönlichen Gott dieser Religionen verloren haben und nun nach einer mystischen Religion ohne Absolutheiten suchen."

„Die Anhänger der Hare Kṛṣṇa-Bewegung haben sich dem Hinduismus zugewendet, aber merkwürdigerweise ist dies ein im höchsten Grade persönlicher Kult," sagte Dr. Staal. „Sie akzeptieren einen persönlichen Gott, Kṛṣṇa. Im Christentum gibt es das auch; ich glaube, daß diese Leute einen Teil ihrer christlichen Erziehung auf eine Hindu-Sekte übertragen haben."

„Er ist auch der Meinung, daß sie zuviel Zeit mit dem Chanten (Singen und Sagen der Gottesnamen) verbringen, als wirklich eine Philosophie zu entwickeln. Aus diesem Grunde lehnten er und andere Mitglieder der Fakultät die Einführung eines experimentellen Lehrgangs in Kṛṣṇa-Bewußtsein ab, der während des Winter- Semesters von Hans Kary, dem Präsidenten des Berkeley-Tempels der Sekte abgehalten werden sollte."


 
 

An den Herausgeber der Los Angeles Times                 14. Januar 1970
 
Sehr geehrte Herren!
 
In Bezugnahme auf ihren Artikel in der Los Angeles Times von Sonntag, dem 11. Januar 1970, („ Kṛṣṇa Chant") möchte ich darauf hinweisen, daß die Hindu-Religion ganz in dem Glauben an den persönlichen Gott bzw. Viṣṇu gründet. Die unpersönliche Vorstellung von Gott ist nur eine Nebenerscheinung, bzw. eine der drei Seinsweisen Gottes. Die Absolute Wahrheit ist letztlich die Höchste Göttliche Person; die Paramātmā-Erkenntnis ist der weltzugewandte Aspekt Seiner Allgegenwart, und die unpersönliche Erkenntnis ist der Aspekt seiner Größe und Unvergänglichkeit. Und alle diese Aspekte zusammen machen das Vollkommene Ganze aus.

Dr. J. F. Staals Darstellung des Kṛṣṇa-Kultes als eine Kombination christlichen und hinduistischen Glaubens, eine Art zusammengebraute Ersatzmischung, entspricht nicht den Tatsachen. Daß christliche, mohammedanische oder buddhistische Religionen persönlich sein sollen, dagegen ist nichts einzuwenden; aber die Kṛṣṇa-Religion war schon längst persönlich, als Religionen wie das Christentum, der Islam oder der Buddhismus noch gar nicht existierten. Im Sinne der Veden versteht man unter Religion die von dem persönlichen Gott gegebenen Gesetze. Religion kann außer von Gott, welcher der Höchste ist, von niemandem, von keinem Menschen erschaffen werden. Religion ist allein das Gesetz Gottes.

Leider haben alle Swamis, die vor mir in dieses Land kamen, nur den unpersönlichen Aspekt Gottes hervorgehoben, weil sie nur sehr wenig über Gottes persönlichen Aspekt wußten. In der Bhagavad-gītā wird gesagt, daß es jeweils gerade die Menschen sind, denen nur ein geringes Maß an Intelligenz gegeben ist, die sich Gott als ursprünglich gestaltlos vorstellen und die glauben, Gott nimmt erst Gestalt an, wenn Er in dieser Welt erscheint. Die Kṛṣṇa-Philosophie jedoch, die ganz in der Autorität der Veden gründet, beinhaltet, daß die eigentliche Absolute Wahrheit die Höchste Göttliche Person ist. Eine Seiner uneingeschränkten Seinsweisen weilt im Herzen eines jeden Wesens als Sein der Welt zugewandter Aspekt, und die unpersönliche Brahman-Ausstrahlung ist das transzendentale Licht, das alles durchdringt.

In der Bhagavad-gītā wird unmißverständlich darauf hingewiesen, daß das Ziel der Suche nach der Absoluten Wahrheit im Sinne der Veden der persönliche Gott ist. Jeder, der bei den anderen Aspekten der Absoluten Wahrheit, dem Paramātmā oder dem Brahman Halt macht, dem ist nur ein begrenztes Wissen und Erkenntnisvermögen gegeben. Diesen Punkt haben wir eingehender in der zu den Veden gehörenden Śrī Īśopanisad besprochen, die im vergangenen Jahr von uns herausgebracht wurde.

Was die Religion der Hindus betrifft - es gibt in Indien Millionen von Kṛṣṇa-Tempeln und alle Hindus verehren Kṛṣṇa. Deshalb ist diese Hare Kṛṣṇa-Bewegung nicht irgendetwas, das der Vorstellung irgendeines Menschen entsprungen ist. Wir legen es jedem Gelehrten, jedem Philosophen, jedem Theologen, d. h. jedem Menschen nahe, diese Bewegung genau zu untersuchen, um sie zu verstehen. Sobald man dies mit dem nötigen Ernst tut, wird man die Vollkommenheit dieser großen Bewegung zu erkennen beginnen.

Ebenso autorisiert ist auch dieses Chanten. Daß Prof. Staal das ständige Chanten des heiligen Kṛṣṇa-Namens ablehnt, zeigt nur allzu deutlich, daß sein Wissen über diese autorisierte Bewegung des Kṛṣṇa-Bewußtseins äußerst begrenzt ist. Statt den Kursus, den Herr Kary einführen wollte, abzulehnen, hätte er, und überhaupt alle anderen gelehrten Professoren der Universität von Berkeley in Kalifornien, geduldig die Wahrheit über diese autorisierte Bewegung hören sollen, die eine so große Bedeutung für unsere heutige gottlose Zivilisation hat. (Bewilligung zur Einführung dieses Kurses wurde später gegeben – Hrsg.) Sie ist die einzige Bewegung, die der verwirrten jüngeren Generation helfen kann. Ich appelliere an alle verantwortungsbewußten Eltern dieses Landes, sich die Mühe zu machen, diese transzendentale Bewegung zu verstehen und uns zum Wohle der ganzen Menschheit zu unterstützen.

A. C. Bhaktivedanta Swami
Geisteslehrer der
Hare Kṛṣṇa-Bewegung


 
 
 

Swami A.C. Bhaktivedanta                23. Januar 1970
 

Sehr geehrter Swamiji,
 
haben Sie vielen Dank für die Kopie Ihres Briefes, den Sie an die Los Angeles Times geschickt haben. In der Zwischenzeit ist dieser Brief ja nun auch im Daily Californian veröffentlicht worden. Ich bin der Meinung – und vielleicht werden Sie mit mir darin übereinstimmen – daß die Diskussion religiöser oder philosophischer Themen durch Interviews und Briefe in der Presse außer Publicity nichts einbringt. Erlauben Sie mir aber trotzdem, hier kurz zwei Dinge hervorzuheben:

Zunächst einmal weiß ich, daß die Verehrung Kṛṣṇas sehr alt ist (allerdings keineswegs so alt wie die Veden) und daß sie niemals vom Christentum, Islam oder Judentum beeinflußt wurde (den Buddhismus habe ich in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt). Die Unterschiede zwischen persönlich und unpersönlich sind relativ unklar, aber sie sollen hier der Einfachheit halber gelten. Mich wundert es allerdings sehr, wie Menschen, die in einer westlichen Kultur aufgewachsen sind, die das Persönliche hervorhebt, wie diese Menschen sich einem indischen Kult zuwenden können, der genau das gleiche tut. Weniger allerdings überrascht es mich, wenn Menschen, denen der westliche Monotheismus nichts geben kann, eine indische Philosophie aufgreifen, die das unpersönliche Absolute hervorhebt.

Ich war nie gegen das Chanten des Namens Kṛṣṇa, noch habe ich mich je dagegen ausgesprochen. Es irritiert mich auch nicht, wie das bei manchen Menschen der Fall ist – im Gegenteil, ich finde es schön. Trotzdem ist es eine unbestrittene Tatsache, daß die Bhagavad-gītā (ganz zu schweigen von den Veden) dieses ständige Chanten nicht verlangt. Die Gītā befaßt sich mit ganz anderen Dingen, die in den Kursen, die ich über indische Philosophie halte, eingehender behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen
J. F. Staal
Professor der Philosophie
und südasiatischer Sprachen


 
 
 

Herrn Dr. J. F. Staal                30. Januar 1970
Professor der Philosophie
und südasiatischer Sprachen
an der Universität von Kalifornien
Berkeley, Kalifornien


 

Sehr geehrter Professor Staal,
 
haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 23. Januar 1970. Dem letzten Absatz Ihres Briefes entnehme ich, daß Sie persönlich das Chanten des Hare Kṛṣṇa-mantra nicht stört (obgleich dies bei einigen anderen Menschen der Fall ist), ja, daß Sie dieses Chanten sogar anspricht. Ich habe mich darüber sehr gefreut und möchte Ihnen heute zusammen mit diesem Brief ein Exemplar unserer Zeitschrift „Back To Godhead", Ausgabe Nr. 28, zuschicken. Dieser Zeitschrift können Sie entnehmen, wie sehr unsere Schüler im Chanten des Hare Kṛṣṇa-mantra aufgehen, obgleich ihnen allen dieses Chanten vollkommen neu war. Dieses Chanten erfüllt das Herz wirklich mit einer nie gekannten Freude, und es ist der beste Weg, um alle Menschen mit spirituellem Bewußtsein bzw. Krsṇa-Bewußtsein zu erfüllen.

Dieses Chanten ist der einfachste Weg zur Selbstverwirklichung und wird in den Veden empfohlen. Im Bṛhan-nāradīya Purāṇa steht unmißverständlich geschrieben, daß nur das Chanten des heiligen Namens Haris die Menschen vor den Problemen des materiellen Daseins bewahren kann, und es gibt keine andere Möglichkeit, keine andere Möglichkeit, keine andere Möglichkeit in diesem Zeitalter des Kali.

Die westliche Kultur ist zwar monotheistisch, aber die Menschen der westlichen Welt werden von den aus Indien kommenden Spekulationen über das Unpersönliche irregeführt. Frustration finden wir bei den jungen Menschen des Westens deshalb, weil sie nicht umfassend über den Monotheismus unterrichtet werden. Sie sind mit den Lehrmethoden und der Art des Verstehens unzufrieden. Die Hare Kṛṣṇa-Bewegung wirkt sich segensreich für sie alle aus, weil sie durch dieses autorisierte vedische System befähigt werden, den Monotheismus des Westens wirklich zu verstehen. Wir führen nicht nur theoretische Diskussionen, wir lernen praktisch durch die Unterweisungen, die sich in den Veden finden. Es verwundert mich allerdings, daß Sie im letzten Absatz Ihres Briefes sagen, „es ist eine unbestrittene Tatsache, daß die Bhagavad-gītā (ganz zu schweigen von den Veden) dieses ständige Chanten nicht verlangt." Ich glaube, Sie haben, abgesehen von vielen anderen Versen ähnlichen Inhalts, den folgenden Vers in der Bhagavad-gītā übersehen:

satataṁ kīrtayanto māṁ
yatantaś ca dṛḍha-vratāḥ
namasyantaś ca māṁ bhaktyā
nitya-yuktā upāsate. (Bg. 9.14)

Hier wird beschrieben, wie sich die großen Seelen verhalten, die nicht mehr der Täuschung unterliegen, die in ihrer Erkenntnis Gottes vollkommen sind. ,,Satataṁ kīrtayanto māṁ" – durch Chanten (satataṁ) preisen sie ständig (kīrtayantaḥ) Meinen Ruhm und – „nitya-yukta upasate" – verehren Mich (Kṛṣṇa) immer.

Es ist mir nicht ganz klar, wie Sie dann von „unbestrittenen Tatsachen" reden können. Ich könnte auch anhand der Veden weitere diesbezügliche Bestätigungen aufzählen. Auch der große transzendentale Klang omkāra in den Veden ist Kṛṣṇa. Praṇava omkāra ist die göttliche Essenz der Veden. Im Sinne der Veden zu handeln bedeutet, die vedischen mantras zu chanten. Und ohne omkāra ist kein mantra vollkommen. In der Mānḍūkya Upaniṣad wird omkāra der glückverheißendste Laut genannt, der mit dem Höchsten identisch ist. Das gleiche sagt auch der Atharva Veda. Omkāra ist mit dem Höchsten Herrn identisch und deshalb ist es das grundlegendste Wort in den Veden. Kṛṣṇa sagt in diesem Zusammenhang, ,,praṇavaḥ sarva-vedeṣu" (Bg.7.8) Ich bin die Silbe om in allen vedischen mantras.

Außerdem sagt Kṛṣṇa im 15. Vers des 15. Kapitels der Bhagavad-gītā: „Ich weile im Herzen aller Lebewesen. Ich bin es, der in allen Veden erkannt werden soll. Ich bin der Verfasser des Vedānta, und Ich allein kenne den Veda so wie er ist. Der Höchste, der im Herzen eines jeden Wesens weilt, wird in der Muṇḍaka und auch in der Śvetāśvatara Upaniṣad beschrieben: „dvā suparṇā sayujā sakhāyā..." Gott, der Herr, und die individuelle Geistesseele weilen in einem Körper wie zwei befreundete Vögel auf einem Baum. Der eine Vogel ißt die Früchte des Baumes, d.h. Auswirkungen des weltlichen Tuns, und der andere Vogel, die Überseele, ist Zeuge davon.

Das Ziel der Veden ist es, Erkenntnis über Śrī Kṛṣṇa, die Höchste Göttliche Person, zu erlangen. Das wird auch im 8. Kapitel, im 13. Vers der Bhagavad-gītā besonders hervorgehoben. Dort wird gesagt, daß man durch den mystischen yoga-Pfad und das Aussprechen der heiligen Silbe om Sein höchstes Reich erlangen kann. Die Vedānta-sūtras, die Sie sicherlich gelesen haben, erklären im 4. Kapitel, 4. adhikaraṇa, 22. sūtra unmißverständlich: „anāvṛttiḥ śabdāt..." – „Durch Lautschwingung wird man befreit." Durch liebevolles Dienen, durch wirkliche Erkenntnis der Höchsten Göttlichen Person, kann man in Sein Reich gelangen und braucht nicht mehr in diese materielle Bedingtheit zurückzukehren. Und wie soll dies möglich sein? Die Antwort darauf ist: Durch das ständige Chanten Seines Namens.

Dies wurde von Arjuna akzeptiert, der als unmittelbarer Schüler Kṛṣṇas uns allen ein Beispiel gibt. Durch den yogeśvara, den Meister des yoga, lernte Arjuna die spirituelle Wissenschaft in ihrer ganzen Tiefe verstehen. Arjuna, der Kṛṣṇa als das höchste Brahman erkennt, spricht zu Ihm: „sthāne hṛṣīkeśa". (Bg. 11.36) – „Durch das Hören Deines Namens wird die Welt von Freude erfüllt und alle wenden sich Dir zu." Hier wird also das Chanten als der Weg autorisiert, der zur Höchsten Absoluten Wahrheit, zur Höchsten Göttlichen Person führt. Durch das Chanten des heiligen Namens, Kṛṣṇa, wird die Seele von der Höchsten Person, Kṛṣṇa, angezogen und kann zurück nach Hause gelangen, zurück zu Gott.

Im Nārada-pañcarātra wird gesagt, daß sich alle in den Veden festgelegten Riten, alle mantras und alles Wissen in folgenden acht Worten finden: Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare. Auch in der Kalisantaraṇa Upaniṣad wird erwähnt, daß ganz besonders diese sechszehn Worte: Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare, Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare, dem degradierenden und zersetzenden Einfluß dieses materialistischen Zeitalters des Kali entgegenwirken können.

All das wird übrigens eingehend in meinem Buch, „Teachings of Lord Caitanya", erklärt.

Dieses Chanten ist deshalb nicht nur der beste Weg, um die Vollkommenheit des Lebens auch praktisch zu verwirklichen, sondern es ist gleichzeitig auch das von dem größten vedischen Gelehrten und Gottgeweihten Śrī Caitanya Mahāprabhu (der für uns eine Inkarnation Kṛṣṇas ist) in Seinem eigenen Leben verwirklichte autorisierte Prinzip der Veden. Wir folgen nur dem Beispiel, das Er gesetzt hat.

Die Hare Kṛṣṇa-Bewegung ist universell. Der Weg, der zur Wiedererlangung unseres eigentlichen, unvergänglichen Seinszustandes voller Glück und Erkenntnis führt, bedeutet nicht abstrakte, leblose Theorie. Die Veden beschreiben das geistige Leben nicht als etwas Theoretisches, Lebloses oder Unpersönliches. Das Ziel der Veden ist es, einzig die Liebe zu Gott in den Herzen der Menschen wiederzuerwecken, und genau das wird praktisch durch die Hare Kṛṣṇa-Bewegung oder durch das Chanten des Hare Kṛṣṇa-mantra verwirklicht.

Es gibt nur ein Ziel transzendentaler, überweltlicher Erkenntnis, und das ist reine Liebe zu Gott. Im Sinne transzendentaler Erkenntnis bilden die Veden ein harmonisches Ganzes. Nur der verzerrte Blickwinkel von Menschen, die nicht zur echten Nachfolge der vedischen Lehrer gehören, lassen die Bhagavad-gītā als etwas Unzusammenhängendes erscheinen. Das, was alle sich scheinbar widersprechenden Unterweisungen der Veden harmonisch vereint, ist die Essenz der Veden, das Kṛṣṇa- Bewußtsein (die Liebe zu Gott).

Ich grüße Sie und verbleibe mit den besten Wünschen

Ihr A. C. Bhaktivedanta Swami


 
 
 

Swami A.C. Bhaktivedanta                8. Februar 1970
 
Sehr geehrter Swamiji,
 
ich bedanke mich für Ihren langen, interessanten Brief vom 30.1., den Sie mir gütigerweise zusammen mit einer Ausgabe der Zeitschrift „Back To Godhead" zukommen ließen. Ich hatte bis jetzt nur mit Mitgliedern Ihrer Gesellschaft hier gesprochen, aber diese Gespräche waren von meiner Sicht her gesehen nicht allzu befriedigend. Nun allerdings liegt Ihr weitaus autoritativerer Brief vor, was es uns ermöglicht, die Diskussion auf einer höheren Ebene fortzuführen.

Trotzdem aber kann ich Ihre Meinung, daß alle Schriften, die Sie zitieren, nur das Chanten von Kṛṣṇas Namen vorschreiben, nicht teilen. Ich möchte hier nur auf die wichtigsten hinweisen.

Das kīrtayantaḥ im 14. Vers des 9. Kapitels der Bhagavad-gītā braucht sich nicht unbedingt auf das Chanten von Kṛṣṇas Namen zu beziehen. Es kann auch Ruhmpreisen bedeuten, Chanten, Vortragen, Sprechen und sich auf Lieder, Hymnen, Beschreibungen oder Unterhaltungen beziehen. So jedenfalls legen es die Kommentatoren aus. Śaṇkara wiederholt in seinem Kommentar nur das Wort, wohingegen Ānandagiri in seinem vyākhyā das kīrtanam als vedānta-śravaṇam praṇava-japaś ca einstuft, „den Vedānta hören und die Silbe om murmeln"– (daß das vedische om mit Kṛṣṇa identisch ist, wird in der Bhagavad-gītā gesagt, die ja smṛti ist und in der Kṛṣṇa auch mit vielen anderen Dingen identifiziert wird, allerdings nicht in den Veden, die śruti sind). Ein anderer Kommentator, Hanumān, sagt in seiner Paiśāca-bhāṣya, daß kīrtayantaḥ lediglich bhāṣmānaḥ (über etwas sprechen) bedeutet.

Wichtiger allerdings als die genaue Bedeutung dieses Wortes, glaube ich, ist der vollständige Vers, der nicht sagt, daß sich jeder ständig mit kīrtana beschäftigen soll, sondern der lediglich besagt, daß dies einige große Seelen tun. Das geht noch deutlicher aus dem nächsten Vers hervor, in dem steht, daß anye, „andere", jñāna-yajñena... yajanto mām „Mich mit der Verehrung des Wissens verehren." Die Bhagavad-gītā toleriert eine Vielzahl religiöser Wege, obgleich sie auch einen ganz besonders hervorhebt (sarva phala-phala-tyaga).

In dem letzten sūtra des Vedānta-sūtra, anāvṛttiḥ-śabdāt...., bezieht sich śabda auf die Schrift oder die Offenbarung der Veden, wie auch aus dem Inhalt und den Kommentatoren hervorgeht. Śaṇkara zitiert eine Anzahl von Texten (zum Schluß sagt er, ity ādi-śabdebhyaḥ, „im Sinne dieser śabdas"), um hervorzuheben, daß es „im Sinne der Schriften kein Zurück gibt..." In diesem sūtra bezieht er sich auch auf das Wort śabda, indem er sagt mantrārtha-vādādi ... ,,mantras, Beschreibungen, usw." Vācaspati Miśra sagt in der Bhāmati genau das gleiche und weist darüber hinaus noch darauf hin, daß eine andere Meinung śruti-smṛti-virodhaḥ, „mit den Aussagen der smṛti und der śruti nicht zu vereinen ist."

Haben Sie nochmals Dank für Ihre freundliche Aufmerksamkeit

Mit freundlichen Grüßen
Ihr J. F. Staal


 
 
 

Herrn Dr. J. F. Staal                15. Februar 1970
Professor der Philosophie
und südasiatischer Sprachen

Sehr geehrter Herr Dr. Staal,

ich habe mich sehr über Ihren Brief von Sonntag, dem 8.2.1970 gefreut. Um Sie zu überzeugen, daß alle heiligen Schriften das Chanten von Kṛṣṇas Namen vorschreiben, möchte ich nur auf die Autorität Śrī Caitanya Mahāprabhus hinweisen. Śrī Caitanya Mahāprabhu sagt: „kīrtanīyaḥ sadā hariḥ." [*„Man soll ständig Hari ruhmpreisen." (Śikṣāṣṭaka 3) [Cc. adi 17.31]*] Ähnlich sagt auch Madhvācārya: „vede rāmāyaṇe caiva hariḥ sarvatra gīyate." [**„Überall in den Veden und im Rāmāyaṇa wird über Hari gesungen." **] Und in der Bhagavad-gītā spricht Kṛṣṇa: „vedaiś ca sarvair aham eva vedyaḥ." [***„Ich bin es, der in allen Veden erkannt werden soll."***]

Auf diese Weise erkennen wir, daß das Ziel aller heiligen Schriften die Höchste Person ist. Im Ṛg Veda lautet der mantra: „om tad viṣṇoḥ paramaṁ padaṁ sadā paśyanti sūrayaḥ." [ **** „Die Halbgötter sind immerdar jenem höchsten Reiche Viṣṇus zugewendet." (RV. 1.22.20) **** ] Das Ziel aller Veden ist es, Viṣṇu, den Herrn, zu erkennen und jede heilige Schrift preist deshalb direkt oder indirekt den Ruhm des Höchsten, den Ruhm Viṣṇus.

Was die 9. Strophe im 14. Kapitel der Bhagvad-gītā angeht — natürlich bedeutet kīrtayantaḥ, wie Sie auch sagten, Ruhmpreisen, Chanten, Vortragen und Sprechen — aber wessen Ruhm wird gepriesen, über wen wird gechantet und gesprochen? Natürlich ist es Kṛṣṇa. Das Wort, das in diesem Zusammenhang gebraucht wird, ist mām. Wir haben deshalb auch nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand Kṛṣṇa lobpreist, wie Śukadeva es im Śrīmad-Bhāgavatam tat. Auch das ist kīrtanam. Der rechte Ort für diese Ruhmpreisung des höchsten Gottes, Śrī Kṛṣṇa, ist die herrlichste aller vedischen Schriften, und das kann man aus folgendem Vers ersehen:

nigama-kalpataror galitaṁ phalaṁ
śuka-mukhād amṛta-drava-samyutam
pibata bhāgavatam rasam ālayaṁ
muhur aho rasikā bhuvi bhāvukāḥ. [* Bhag. 1.1.3]

„O ihr kundigen und gedankenvollen Menschen! Wisset,  daß das Śrīmad-Bhāgavatam die reifste Frucht vom Wunschbaum der Veden ist und daß sie vom Munde Śrī Śukadeva Gosvāmīs stammt. Dadurch ist die nektargleiche Frucht noch köstlicher geworden, obwohl sie schon köstlicher Nektar ist, der sogar von denen getrunken wird, die bereits von allen Bindungen frei sind."

Man sagt, daß Mahārāja Parīkṣit allein durch Hören frei wurde, und in gleicher Weise wurde Śukadeva Gosvāmī einfach durch Chanten erlöst. In der Nachfolge des liebenden Gottdienens, der wir angehören, gibt es neun verschiedene Wege, die zum gleichen Ziel, der Liebe zu Gott führen. Das Hören ist dabei der wichtigste. Es wird śruti genannt. Danach kommt das Chanten. Das ist dann smṛti. Wir akzeptieren sowohl śruti als auch smṛti. Śruti ist für uns wie die Mutter und smṛti wie die Schwester. Denn ein Kind hört zunächst von der Mutter und dann lernt es noch einmal durch die Ausführungen der Schwester. Śruti und smṛti laufen parallel. Śrīla Rupa Gosvāmī sagt daher:

śruti-smṛti-purāṇādi-
pañcarāta-vidhiṁ vinā
aikāntikī harer bhaktir
utpātāyaiva kalpate. [* Bhakti-rasāmṛta-sindhu 1.2.101]

Das bedeutet, daß ohne Bezug auf śruti, smṛti, purānas und pañcarātras keine reine, dienende Liebe zu Gott entstehen kann. Deshalb ist jeder, der keine Beziehung zu den śastras hat und verzückte Hingabe zur Schau stellt, nur ein Unruhestifter. Wenn wir uns andererseits jedoch nur an die śrutis halten, dann werden wir zu veda-vāda-ratāḥ [**(Bg.2.42) „Sie geben die Worte der heiligen Schriften von sich, ohne sie zu verstehen oder danach zu handeln.**], die in der Bhagavad-gītā nicht sehr geschätzt werden.

Die Bhagavad-gītā, obwohl smṛti, ist deshalb die Essenz aller vedischen Schriften, sarvopaniṣado gāvaḥ. Sie gleicht einer Kuh, die Milch gibt, d.h. sie gibt uns die Essenz aller Veden und Upaniṣaden. Das sagen alle ācāryas, auch Śaṇkarācārya. Sie können deshalb die Autorität der Bhagavad-gītā nicht verleugnen, weil sie smṛti ist. Solch eine Ansicht ist śruti-smṛti-virodhaḥ, „mit den Aussagen der smṛti und śruti nicht zu vereinen," wie Sie ganz richtig sagten.

Was nun Ānandagiris Kommentar angeht, so bedeutet kīrtana nämlich vedānta-śravaṇam praṇava-japaś ca – dieser Kenner des Vedānta ist Kṛṣṇa. Es ist der Urheber des Vedānta. Er ist veda-vid und vedānta-kṛt. Wo gibt es dann also noch eine bessere Gelegenheit für vedānta-śravaṇa, als direkt von Kṛṣṇa zu hören? In dem folgenden Vers wird gesagt, jñāna-yajñena . . . yajanto mām – Kṛṣṇa ist das Ziel und der Sinn aller Verehrung. Das geht aus dem Wort mām hervor. Der Weg dahin wird im 11. mantra der Īsopaniṣad beschrieben:

vidyāṁ cāvidyāṁ ca yas
tad vedobhayaṁ saha
avidyayā mṛtyuṁ tīrtvā
vidyayāmṛtam aśnute

„Nur wer die Wirkungsweise der Unwissenheit und die der transzendentalen Erkenntnis zugleich begreifen kann, der kann die Einwirkung der sich wiederholenden Geburten und Tode überwinden und sich des vollen Segens der Unsterblichkeit erfreuen."

Man muß nach vidyā, nach transzendentaler Erkenntnis streben. Das ist grundlegend, denn sonst wird man von avidyā, Unwissenheit, ganz an ein bedingtes Dasein auf materieller Ebene gebunden. Das Dasein in dieser materiellen Welt ist ein einziges Begehren nach Sinnesbefriedigung, und durch diese Art der Kenntnis auf dem Gebiete der Sinnesbefriedigung (avidyā) fördert man nur die sich wiederholenden Geburten und Tode. Diejenigen, die sich dieser Art des Wissens verschrieben haben, sind außerstande, aus den Naturgesetzen eine Lehre zu ziehen. Sie sind ganz in die Schönheit illusorischer Dinge vernarrt und tun immer wieder das gleiche. Vidyā dagegen, wirkliches Wissen, bedeutet, alles in Unwissenheit gründende Tun sehr wohl und sehr genau zu kennen, sich aber gleichzeitig ganz der transzendentalen Wissenschaft zu widmen und unbeirrbar dem Pfad zu folgen, der zur Befreiung führt.

Durch Befreiung werden einem alle Segnungen der Unsterblichkeit zuteil. Diese Unsterblichkeit und die damit verbundene Freude findet sich im ewigen Königreich Gottes (sambhūty-amṛtam aśnute), dem Reiche der Höchsten Göttlichen Person, in das man durch Verehrung des Höchsten Herrn, des Ursprunges aller Ursprünge (sambhavāt) gelangt. Die Höchste Göttliche Person Kṛṣṇa zu verehren, das ist vidyā, wirkliches Wissen. Das ist jñāna-yajñena, „Verehrung des Wissens." Dieses jñāna-yajñena... yajanto-mām ist im Sinne der Bhagavad-gītā die Vollkommenheit aller Erkenntnis:

bahūnāṁ janmanām ante
jñānavān māṁ prapadyate
vāsudevaḥ sarvam iti
sa mahātmā sudurlabhaḥ

„Jeder, der in wirklicher Erkenntnis gründet, gibt sich nach vielen Geburten und Toden Mir hin, weil er erkannt hat, daß Ich, Vāsudeva, der Ursprung aller Ursprünge bin und daß alles Seiende in Mir gründet. Solch eine große Seele findet man nur sehr selten." (Bg. 7.19)

Wenn man noch nicht zu diesem Punkt der Erkenntnis gelangt ist und nur hohle Mutmaßungen anstellt, ohne Kṛṣṇa mit einzubeziehen, dann gleicht diese Art der Bemühungen dem Dreschen schon ausgedroschener Kornähren. Die volle Ähre und die schon gedroschene sehen einander sehr ähnlich. Jeder, der weiß, wie man das Korn aus der vollen Hülse bekommt, ist weise; aber alle, die die schon gedroschenen Ähren bearbeiten und glauben, daß auf diese Weise etwas hervorgebracht werden kann, vergeuden sinnlos ihre Kräfte. Wenn man also die Veden studiert, ohne sich über das Ziel der Veden, über Kṛṣṇa klar zu werden, dann vergeudet man auf diese Weise nur seine Zeit.

Die Erkenntnis, Kṛṣṇa zu verehren, erlangt man also nach vielen Geburten und Toden, wenn man wirklich weise wird. Dann gibt man sich Kṛṣṇa ganz hin und erkennt endlich, daß Er der Ursprung aller Ursprünge ist und daß alles Seiende in Ihm gründet. Solch eine große Seele findet man nur sehr selten. Also diejenigen, die sich bedingungslos Kṛṣṇa hinschenken, sind nicht gewöhnliche mahātmās, sondern sudurlabhaḥ mahātmās.

Durch die Gnade Śrī Caitanya Mahāprabhus ist die höchste Vollkommenheit des Lebens jedem zugänglich geworden. Das ist sehr ermutigend. Wie wäre es sonst möglich, daß Jungen und Mädchen, ohne vorher irgendwie mit der vedischen Kultur in Berührung gekommen zu sein, einzig durch das Chanten der transzendentalen Lautschwingungen Hare Kṛṣṇa zu mahātmās werden? Nur aufgrund dieses Chantens ist der überwiegende Teil (diejenigen, die sich wirklich ernsthaft bemühen) im liebevollen Gottdienen fest gegründet und verfällt nicht wieder den vier Prinzipien des sündhaften materiellen Lebens – 1. dem Fleischessen, 2. unzulässigen sexuellen Beziehungen, 3. dem Zusichnehmen von Rauschmitteln, einschließlich Kaffee, Tee und Zigaretten und 4. dem Glücksspiel. Das ist das letzte sūtra des Vedānta-sūtra (anāvṛttiḥ śabdāt).

In der Auswirkung zeigt sich das Wesen einer Sache (phalena paricīyate). Unseren Schülern wird nahegelegt, so zu handeln, und sie fallen nicht wieder zurück. Sie bleiben dem geistigen Leben zugetan, ohne Verlangen nach einem Leben, das auf die oben genannten Prinzipien von avidyā, von Sinnengenuss gründet. Darin zeigt sich wirkliches Verstehen der Veden. Sie kehren nicht in ein Leben zurück, das die Erfüllung der Sinnenlust zum Ziel hat, weil sie von wirklicher Freude erfüllt sind, die das Kosten der nektargleichen Frucht der Gottesliebe mit sich bringt.

Sarva-phala-tyāga ist in der Bhagavad-gītā von Gott selbst mit den Worten erklärt: sarva-dharmān parityajya mām ekaṁ śaranaṁ vraja [Bg. 18.66], „gib alles auf und gib dich einzig und allein Mir (Kṛṣṇa) hin." Der Hare Kṛṣṇa-mantra bedeutet, „O innerste Kraft Kṛṣṇa, O Kṛṣṇa, ich bitte Dich, lass mich Dir ewiglich liebend dienen." Wir haben daher alles aufgegeben und dienen einzig dem Herrn. Was immer Kṛṣṇa will, wir tun es und sonst nichts. Wir haben alle aus karma, jñāna und yoga entstehende Handlungen aufgegeben; und das ist reines liebevolles Gottdienen, bhaktir uttama.

Es grüßt Sie viele Male
A.C. Bhaktivedanta Swami


 
 
 

Swami A. C. Bhaktivedanta                25. Februar 1970
Gründer-Acārya
Internationale Gesellschaft für Krsna-Bewußtsein

Sehr geehrter Swamiji,

vielen Dank für Ihren höchst interessanten Brief vom 15.2.1970. Wissen Sie, wann immer Sie eine Stelle zitieren, aus der hervorgeht, daß nur das Chanten des Namens Kṛṣṇa erforderlich ist, dann kann ich gleich eine andere Stelle zitieren, die etwas anderes besagt und hinzufügen: yadi śloko ’pi pramāṇam, ayam api ślokaḥ pramāṇaṁ bhavitum arhati, „Wenn einzig Verse autoritativ sein sollen, dann müßte dieser Vers auch als autoritativ gelten." Und das könnte sich bis ins Endlose fortsetzen. Um Patañjali zu zitieren: mahān hi śabdasya prayoga-viṣayaḥ, „denn unendlich weit ist der Wortbereich."

Mit freundlichen Grüßen
Ihr J. F. Staal


 
 
 

                                                       24. April 1970

Sehr geehrter Herr Dr. Staal,

haben Sie vielen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 25.2.1970. Es tut mir sehr leid, daß ich erst jetzt dazu komme, Ihren Brief zu beantworten. Der Erwerb eines Grundstückes und einer Kirche unter der oben angegebenen Adresse beanspruchte einen großen Teil meiner Zeit. Wir haben ein sehr schönes Gebäude bekommen, mit separatem Tempel und Vortragsraum, Räumlichkeiten für mich selbst und Wohnräume für die Gottgeweihten. Es ist alles in gutem Zustand und modern ausgestattet.

Ich würde mich freuen, wenn Sie uns einmal besuchen würden, wann immer es Ihnen am Besten paßt, aber bitte geben Sie mir einen Tag vorher Bescheid, damit meine Schüler Sie gebührend empfangen können.

Zu unserem Briefwechsel möchte ich sagen, daß dieses Zitieren und Gegenzitieren das Problem nicht lösen kann. Es ist wie im Gerichtssaal: beide Anwälte berufen sich auf die Gesetzesbücher, aber der Fall kann dadurch nicht gelöst werden. Die Entscheidung liegt im Urteil des Richters. Beweisführung also kann uns zu keinem Ergebnis bringen.

Die Aussagen der Schriften widersprechen sich oft, und jeder Philosoph hat eine andere Ansicht, weil man, ohne eine neue These vorzubringen, kein berühmter Philosoph werden kann. Es ist deshalb recht schwierig, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die einzige Möglichkeit ist also, wie wir bereits oben bemerkt haben, das Urteil einer Autorität zu akzeptieren. Wir folgen der Autorität Śrī Caitanya Mahāprabhus, der mit Kṛṣṇa identisch ist. Und Seine Unterweisung im Sinne der vedischen Schriften lautet, daß in diesem Zeitalter einzig das Chanten alle Probleme des Lebens lösen kann, und unsere praktische Erfahrung hat dies bewiesen.

Am Erscheinungstag Śrī Caitanya Mahāprabhus hielten unsere Schüler in Berkeley eine große Prozession ab. Die Bevölkerung konnte nicht umhin, aus diesem Anlaß zu bemerken: „Diese Leute sind nicht wie andere, die sich zusammentun, Fensterscheiben einschlagen und Unruhe stiften." Die Polizei sagte ungefähr das gleiche: „Angehörige der Hare-Kṛṣṇa-Bewegung waren der Polizei außerordentlich entgegenkommend eingestellt. Sie bemühten sich, Ruhe und Ordnung während der Parade zu bewahren und die Polizei brauchte überhaupt nicht einzuschreiten."

In Detroit, bei einer großen Friedenskundgebung, bezeichnete man unsere Leute als „Engel". Die heutige Zeit braucht diese Hare-Kṛṣṇa-Bewegung, denn in ihr finden wir die Lösungen aller Probleme unserer Zivilisation. Weitere Zitate scheinen zu diesem Zeitpunkt nicht angebracht.

In einer Apotheke gibt es viele Arzneien und alle können durchaus wirksam sein, aber man braucht immer einen erfahrenen Arzt, der dem Patienten eine bestimmte Medizin verordnet. Es wäre falsch zu sagen, „das hier ist auch Medizin und das auch." Das geht nicht. Die Medizin, die einem bestimmten Menschen hilft, ist die richtige für ihn – phalena paricīyate.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich Ihr
A. C. Bhaktivedanta Swami


 
 
 

Anmerkungen Seiner Göttlichen Gnade A. C. Bhaktivedanta Swami über den Briefwechsel mit Dr. J. F. Staal

Vor Gericht bringen zwei Anwälte ihre sachdienlichen Argumente vor, die den autorisierten Gesetzesbüchern entnommen sind, um einen bestimmten Punkt zu klären. Aber letztlich ist es Sache des Richters, den Fall zugunsten einer der beiden Parteien zu entscheiden. Die sich gegenüberstehenden Anwälte, die ihre Argumente vorbringen, sind beide rechtmäßig eingesetzt und echt, und die Entscheidung wird nach dem Argument getroffen, welches für den Fall seine Anwendung findet.

Aufgrund der Autorität der śāstras sagt Śrī Caitanya Mahāprabhu, daß das Singen der heiligen Namen des Herrn der einzige Weg ist, um transzendentale Erkenntnis zu erlangen, und wir können selbst sehen, daß es tatsächlich so ist. Jeder einzelne unserer Schüler, die sich ernsthaft diesem Weg gewidmet haben, kann individuell untersucht werden, und jeder unparteiische Richter wird sofort erkennen können, daß sie in ihrer transzendentalen Erkenntnis weiter vorangekommen sind als alle Philosophen, Theologen, yogis, karmīs, usw.

Wir müssen alles akzeptieren, was den jeweiligen Umständen dient. Wenn wir, je nach den Umständen, andere Methoden ablehnen, dann bedeutet das nicht, daß sie nicht ihre Gültigkeit haben. Gegenwärtig aber, in Anbetracht des Zeitalters, der Zeit und des Zieles, werden viele Methoden manchmal abgelehnt, obwohl sie ihre Gültigkeit haben. Wir können alles anhand der praktischen Auswirkung prüfen. Sobald wir das tun, können wir erkennen, daß in diesem Zeitalter das Chanten des Hare Kṛṣṇa mahā-mantra zweifellos von größter Wirkung ist.

A. C. Bhaktivedanta Swami

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