Sri Sri Gurvastakam


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German Deutsch  Englische Übersetzung

Erläuterung des Sri Sri Gurvastakam
von Seiner Göttlichen Gnade A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada
Los Angeles, 2. Januar 1969

saḿsāra-dāvānala-līḍha-loka-trāṇāya kāruṇya-ghanāghanatvam
prāptasya kalyāṇa-guṇārṇavasya vande guroḥ śrī-caraṇāravindam

Dieses Lied erweist besonders dem spirituellen Meister Ehrerbietungen, und mit diesem Gebet werden die Merkmale des spirituellen Meisters beschrieben. Der spirituelle Meister weist in seinen Handlungen zwei Arten von Merkmalen auf. Die eine Art wird dauerhaft, und die andere wird zeitweilig genannt.

Im ersten Vers wird gesagt, das dauerhafte Merkmal des spirituellen Meisters ist es, seine Schüler vom lodernden Feuer dieser materiellen Existenz befreien zu können. Das ist die ewige Qualifikation des spirituellen Meisters. Trāṇāya bedeutet zur Befreiung, und kāruṇya bedeutet mitleidig, sehr barmherzig.

Der spirituelle Meister kommt zur Befreiung der gefallenen Seelen aus seiner grundlosen Barmherzigkeit heraus. Keiner befaßt sich irgendwie mit den Leiden anderer. Das beste Beispiel ist Jesus Christus, der für andere Leiden auf sich nahm. Und es ist der Grundsatz der Bibel, dass er alle Sünden von anderen auf sich nahm. Dies ist das Kennzeichen eines spirituellen Meisters, dass er freiwillig die sündvollen Handlungen anderer auf sich nimmt und sie befreit. Das ist die Qualifikation des spirituellen Meisters. Wie geht das vor sich?

Genau wie ghanāghanatvam. Ghanāghanatvam bedeutet dichte Wolke am Himmel. Als erstes Beispiel wird genannt, diese materielle Existenz ist genau wie ein lodernder Waldbrand. Um nun diesen lodernden Waldbrand zu löschen, macht es keinen Sinn, die Feuerwehr zu schicken. Die Feuerwehr kann sich dem Waldbrand nicht nähern; genausowenig kann irgendein Mensch dorthin gehen, um das Feuer zu löschen. Man ist vollständig von der Gnade der Natur abhängig.

Das bedeutet, man muß sich vollständig auf die Wolken am Himmel verlassen. Anderenfalls steht es außer Frage, Wasser auf dieses lodernde Feuer schütten zu können. Daher ist das Beispiel sehr passend.

Genausowenig wie eine von Menschen gebaute Maschine oder eine Feuerwehr das lodernde Waldbrandfeuer löschen kann, so ist es in ähnlicher Weise unmöglich, das lodernde Feuer der materiellen Existenz mit einer von Menschen gemachten Methode zu löschen.

Sie planen es sich in dieser materiellen Existenz alles sehr bequem einzurichten, doch werden sie mehr und mehr verwirrt und erleiden Fehlschläge. Diese Friedensbewegung, diese Bewegung der Vereinten Nationen, alles ein Fehlschlag. Warum?

Die Leiden dieser materiellen Existenz können nicht mit irgendwelchen materiellen Mitteln beendet werden. Man muß Zuflucht bei spirituellen Mitteln suchen. Genau wie das lodernde Feuer im Wald auf die Wolke am Himmel warten muß, so muß man auf die barmherzige Wolke in Gestalt des spirituellen Meisters warten. Das wird beschrieben. Trāṇāya kāruṇya-ghanāghanatvam, prāptasya kalyāṇa-guṇārṇavasya

Nun, der spirituelle Meister ist nicht selbsternannt. Es ist nicht so, dass irgendjemand daherkommt und einem vortäuscht: "Ich habe spirituelle Vollkommenheit erreicht, und ich habe irgendetwas durch irgendeine Methode erreicht." Nein. Der spirituelle Meister, der vertrauenswürdige spirituelle Meister, das bedeutet, er muß die Macht von einer Autorität empfangen.

Ansonsten ist es nutzlos. Nein. Es ist nicht so, dass man über Nacht spiritueller Meister werden kann. Er muß die Macht von seinem spirituellen Meister empfangen. Deswegen wird es prāptasya genannt. Prāptasya bedeutet, jemand der bekommen hat, jemand der die barmherzigen Segnungen seines spirituellen Meisters erhalten hat.

Wir sollten uns immer daran erinnern, dass der spirituelle Meister sich in der Schülernachfolge befindet. Der ursprüngliche spirituelle Meister ist die Höchste Persönlichkeit Gottes. Er segnet seinen nächsten Schüler, genauso wie Brahma.

Brahma segnet seinen nächsten Schüler, genauso wie Narada. Narada segnet seinen nächsten Schüler, genauso wie Vyasa. Vyasa segnet seinen nächsten Schüler, Madhvacarya. In ähnlicher Weise kommt der Segen. Genau wie bei der königlichen Nachfolge – der Thron wird durch Schülernachfolge oder Erbnachfolge übernommen.

Niemand kann predigen, niemand kann ein spiritueller Meister werden, ohne Macht von der richtigen Quelle zu erhalten. Daher wird speziell dieses Wort hier genannt, prāptasya. Prāptasya bedeutet "jemand der bekommen hat". Prāptasya kalyāṇa. Was hat er bekommen? Kalyāṇa. Kalyāṇa bedeutet Segensreichtum.

Er hat etwas bekommen, was für alle Menschen segensvoll ist. Prāptasya kalyāṇa-guṇārṇavasya. Hier ist ein weiteres Beispiel. Guṇārnava. Arṇava bedeutet Ozean, und guṇa bedeutet spirituelle Eigenschaften. Genau wie dieses Beispiel vor sich geht. Es ist sehr schöne Poesie. Es ist schöne Rhetorik und ein schönes bildliches Beispiel. Das lodernde Feuer wird als Beispiel angeführt, und es muß mit der Wolke gelöscht werden.

Und woher kommt die Wolke? Und genauso, woher erhält der spirituelle Meister die Barmherzigkeit? Die Wolke erhält ihre Macht vom Meer. Genauso erhält auch der spirituelle Meister seine Macht vom Meer der spirituellen Qualität, das heißt von der Höchsten Persönlichkeit Gottes.

Also prāptasya kalyāṇa-guṇārṇavasya. Solch einen spirituellen Meister muß man annehmen, und vande guroḥ śrī-caraṇāravindam, man muß solch einem autorisierten spirituellen Meister seine respektvollen Ehrerbietungen erweisen. (Ende)